Oliver Bilger
Der unendliche Putin

Oliver Bilger kann es kaum erwarten, ab Januar für uns aus Moskau zu berichten. Vor allem weil erstmals seit langem Bewegung in den festgefahrenen Politikbetrieb kommt. Beim Korrespondententreffen porträtierte er Wladimir Putin.
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Der unendliche Putin – so lautet der Titel meines Vortrags. Er muss allerdings etwas variiert werden. Als ich vor knapp vier Wochen diesen Vortrag zugesagt habe, dachte ich, das meiste bereits im Kopf zu haben, was ich über Russland erzählen möchte. Ich hätte mein Manuskript eigentlich sofort schreiben können.

Sie hätten dann einen Vortrag gehört über einen Premier Putin, der sich im nächsten März nach vier Jahren Abstinenz wohl problemlos wieder zum Präsidenten wählen lässt. Ich hätte berichtet, dass gar nicht mal wenige Russen in den vergangenen Jahren zufrieden waren mit ihrem Präsidenten, weil er Renten und Stipendien erhöht und das Land nach den turbulenten 90er-Jahren stabilisiert hat.

Und jene, die keine begeisterten Anhänger des Machthabers waren, ließen und lassen ihn gewähren, so lange sie ungestört ihr Leben führen konnten. Für sie ist wichtig, dass sie einen Job haben, ein steigendes Einkommen, ein Auto. Man könnte allerdings auch sagen: Diese Mittelschicht war lange betäubt von Wirtschaftswachstum und steigendem Konsum – von Putins ersten Amtsjahren bis zur Krise.

Es wäre um Putins Politik in den kommenden sechs Jahren gegangen. Die Amtszeit dauert diesmal länger. Viel Zeit das Land zu modernisieren. Aber mit Putin, der immer nur auf Stabilität setzt, ist das schwierig – denn er führt Russland damit in die Stagnation.

Ich hätte noch etwas persönliches erwähnt. Ich hätte natürlich auch erzählt, dass ich im Sommer meinen Vertrag beim Handelsblatt unterschrieben habe und dachte: Eine Präsidentenwahl ist immer eine besonders spannende Zeit für einen Korrespondenten. Selbst bei einer Wahl wie in Russland, die eigentlich den Namen nicht verdient.

Als Ende September Putin den Ämtertausch verkündete – er kehrt zurück in Kreml, Präsident Medwedjew wird sein Nachfolger als Premierminister – hatte er die Wahl im Grunde genommen um ein halbes Jahr vorgezogen. Ich war – natürlich nicht nur, aber eben auch – aus persönlicher Perspektive enttäuscht über diesen Verlauf.

Ich habe, Sie ahnen es bereits, den Vortrag nicht schon vor vier Wochen geschrieben. Ich zähle, wie so viele Kollegen, zu der Sorte Journalisten, die glauben immer dann am besten arbeiten zu können, wenn der Zeitdruck am
größten ist. Diesmal hat sich diese Angewohnheit ausgezahlt. Denn Russland verändert sich gerade.

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