Olympia-Entscheidung
Kommentar: Sieg ohne Sinn

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Russlands Oligarchen ließen die Korken knallen. Denn mit der Entscheidung des Olympischen Komitees am frühen Donnerstag morgen, die Olympischen Winterspiele 2014 an das russische Sotschi zu vergeben, haben die reichsten Männer Russlands eine neuerliche Wette gewonnen: Gleich nachdem Kremlherr Wladimir Putin begann, seine Liebe zum Skisport öffentlich vorzuführen, begannen Aluminiumbaron Oleg Deripaska, Nickelkönig Wladimir Potanin und der formal staatlich kontrollierte Gasgigant Gazprom mit dem Ausbau des Wintersport-Standorts Sotschi. Milliarden setzen sie dabei ein, noch mehr Milliarden werden sie dafür in Form olympischer Großaufträge vom russischen Staat bekommen.

Dabei werden die Anwohner, die mehrheitlich gegen die Spiele sind und Angst vor der Enteignung ihrer Grundstücke haben, genauso unter der für Russlands neue Oberschicht typische Gnadenlosigkeit zu leiden haben wie die Natur: Rücksichtslos werden die dortigen Naturschutzgebiete in bisher unberührten Tälern den Bulldozern und ihrem Auftrag der Errichtung neuer Sportanlagen zum Opfer fallen.

Politisch lässt sich der Kreml für den Sotschi-Sieg feiern: Moskau verbucht die Olympia-Entscheidung als genugtuendes Gütesiegel für die neue Rolle Russlands in der Welt. Das sei die Anerkennung der wachsenden, vor allem auch wirtschaftlichen Möglichkeiten Russlands, frohlockte Putin. Tatsächlich ist die Olympia-Entscheidung für das südrussische Sotschi eine hochgradig politische Lösung, wie das deutsche IOC-Mitglied Thomas Bach schon im Vorfeld zugab. Denn es wird als Segnung des Regimes Putin gewertet.

Denn Sport ist nicht nur in Russland schon seit Sowjetzeiten eine hochgradig politische Angelegenheit. Der Kampf um Medaillen war jahrzehntelang die zivile Seite des Kalten Krieges, inklusive des Boykotts der Olympiade 1980 in Moskau durch den Westen. Und heute zementiert die Vergabe der Winterspiele an Sotschi die durchaus fragile Lage im Land.

Sportpolitisch ist der Sieg des Riesenreichs eine zweifelhafte Entscheidung: Denn mit Russland bekommt ausgerechnet ein Land die bedeutenden Spiele, das Doping in keiner Weise bekämpft. Das stattdessen in der Weltliga der Nationen ganz oben mitspielt, wenn es um die Suche nach immer neuen Aufputschmitteln geht.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent

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