Olympische Spiele
Freiheit ist wichtiger als Sport und Geschäfte

Ein Boykott der Olympischen Spiele wäre unsinnig. Doch noch schlimmer wäre es, sich vor Erpressungsversuchen der Chinesen wegzuducken. Eine Analyse.
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Sport ist nicht wichtiger als die Freiheit“, hat ein kluger slowakischer Kommentator im März geschrieben und den Boykott der Olympischen Spiele von Peking gefordert.

Seitdem die chinesische Führung die Demonstrationen in Tibet blutig niederschlagen ließ, geht ein Aufschrei durch die freie Welt. Und seit die olympische Fackel entzündet ist, richtet sich der Protest auch gegen die Spiele. Sie sind damit in den Fokus politischer Interessen geraten – nicht zum ersten Mal.

Diktaturen nutzen die Spiele mit Vorliebe, um sich in ihrem Glanz zu sonnen und das eigene Image aufzupolieren. Das schlimmste Beispiel sind die Spiele 1936 in Berlin. Die Politik instrumentalisiert Olympia aber auch gerne, um andere Staaten abzustrafen – seinen Höhepunkt fand das im Boykott der Spiele von Moskau 1980 durch die USA.

China ist übrigens die Nation, die so oft wie keine andere Olympische Spiele boykottiert hat: Von 1956 bis 1980 nahm sie gar nicht an ihnen teil. 1963 erfanden die Chinesen sogar eine Art „Gegen-Olympia“, die „Games of the new emerging forces“. Die einmalige Veranstaltung in Jakarta lockte immerhin 2200 Athleten aus 48 Nationen an, darunter Italiener, Belgier, Franzosen und Schweden.

Nüchtern betrachtet, sind die Anti-China-Proteste bisher dagegen harmlos. Ein paar versprengte Tibet- und Freiheitsfreunde stören den Fackellauf, Sportler wollen Tibet-Bänder tragen, ein paar Politiker bleiben der Eröffnungsfeier fern, der Pariser Stadtrat ernennt den Dalai Lama, das geistige Oberhaupt der Tibeter, zum Ehrenbürger.

Das ist nach westlichen Maßstäben wahrlich politisch wie wirtschaftlich kein Sprengstoff. Es sind allenfalls Nadelstiche, halbherzig wie alle Proteste westlicher Politiker der vergangenen Jahre. Die Menschenrechte werden in China schließlich nicht erst seit der Vergabe der Spiele so klar missachtet.

Für China und auch für das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist die Lage dennoch ärgerlich. Das IOC fürchtet, dass die Olympischen Spiele – die bekannteste und eine der wertvollsten Marken der Welt – beschädigt werden. Es sah sich genötigt, seine politische Neutralität aufzugeben und China zu ermahnen. Das Dilemma ist hausgemacht: Denn auch wenn das IOC gerne betont, der Olympismus sei unpolitisch, war es doch eine politische Entscheidung, die Sommerspiele an China zu vergeben. Und die Zusicherung der kommunistischen Diktatur, die Spiele würden die Menschenrechtssituation in China positiv beeinflussen, ließ sich so schön als Verwirklichung des olympischen Traums darstellen: Der Sport verbessert die Welt!

Doch weit entfernt davon ist die Realität. In China haben wir bislang nur blutige Auseinandersetzungen gesehen. Und wie reagiert das Regime auf die Proteste im Ausland? Erst mit einer Propagandaoffensive und nun, indem es den wirtschaftlichen Hebel ansetzt. Tausende Demonstranten werden vor Supermärkte des französischen Carrefour-Konzerns beordert, um ein Zeichen zu setzen: Wer China kritisiert, riskiert wirtschaftliche Verluste.

Das ist ungeheuerlich. Peking bestraft legitime Meinungsäußerungen mit Boykottdrohungen. Das soll Wirkung auf andere erzielen: Schließlich verdienen einige große Unternehmen prächtig in der Volksrepublik. Volkswagen, einer der Sponsoren der Olympischen Spiele, verkauft inzwischen fast so viele Autos in China wie in Deutschland. Wer mag es VW-Chef Martin Winterkorn da verdenken, dass er wie am vergangenen Wochenende kein klares Wort gegen Chinas Tibet-Politik in den Mund nimmt? Die Sponsoren stecken in der Zwickmühle.

Zu viele handfeste wirtschaftliche und politische Interessen an diesem bedeutenden Markt verhindern, dass China für seine Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft gezogen wird. Das ist der Preis gegenseitiger Abhängigkeit. Ein Boykott wäre auch sinnlos. Etwas anderes ist es aber, wenn das chinesische Regime westliche Unternehmen als Geiseln nimmt, um ein Ende der Proteste im Ausland zu erzwingen: Wer davor zurückweicht oder hofft, der Zorn der Diktatoren möge nur die Franzosen treffen, gibt seine eigenen Wertvorstellungen auf und wird erpressbar. Sport ist nicht wichtiger als die Freiheit, Geschäfte sind es auch nicht.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte

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