Ordnungspolitik im Handelsblatt
Große Koalition der ökonomischen Unvernunft

Die polnischen Fleischerkolonnen sind keine Gefahr für unseren Wohlstand, sondern ein Segen. Doch unsere Politiker wollen es nicht begreifen.Wer sich die Lufthoheit über den Stammtischen sichern will, muss nur einen knalligen Begriff in die Welt setzen und ein dazu passendes Feindbild suchen. Dieses kleine Einmaleins der populistischen Politik war selten so schön zu beobachten wie bei der gegenwärtigen Debatte über „Lohndumping“ und polnische Fleischerkolonnen.

CSU-Chef Edmund Stoiber und der Bundeskanzler, die ganze SPD und die halbe CDU, selbstredend die Gewerkschaften und große Teile der Medien überbieten sich in diesen Tagen mit immer neuen Ideen gegen den angeblichen Jobklau.

Dabei ist schon der Begriff ökonomischer Irrsinn: Unter „Dumping“ verstehen wir den Verkauf von Waren unter den Gestehungskosten. Die polnischen Unternehmen, die ihre deutschen Konkurrenten unterbieten, machen jedoch auskömmliche Gewinne. Und die Fleischer und Spargelstecher aus Osteuropa, die bei uns arbeiten, stellen ihre Arbeitskraft keineswegs unter ihren Kosten zur Verfügung. Im Gegenteil: Sie sichern sich mit ihrem befristeten Arbeitseinsatz in der Fremde ein gutes Leben in ihrer Heimat. Von „Lohndumping“ keine Spur.

Lassen sich mit der großen Koalition der ökonomischen Unvernunft, die sich gegenwärtig im Kampf gegen Freizügigkeit und Dienstleistungsfreiheit in Europa formiert, denn wenigstens Jobs in Deutschland halten? Nein, im Gegenteil: Die Fleisch verarbeitende Industrie und die Spargelbauern gehören nicht gerade zu den profitabelsten Branchen. Der Einsatz billigerer Arbeitskräfte bleibt in vielen Fällen nur als letzter Ausweg, um die Produktion überhaupt noch am Standort Deutschland zu halten. Wenn die polnischen Fleischer nicht nach Deutschland kommen, werden die deutschen Fleischbetriebe künftig nach Polen gehen.

Ähnliche Reaktionen wie gegen die Dienstleistungsfreiheit zeigen sich auch im Hinblick auf Auslandsinvestitionen. Und auch hier schadet Abschottung: Unternehmen, die Teile der eigenen Produktion verlagern oder outsourcen, erzielen in der Regel erhebliche Produktivitätsfortschritte. Wer auf diese Möglichkeiten verzichtet, verzichtet auch auf die langfristige Sicherung von Gewinnen und Jobs im Heimatland. Unter ernsthaften Ökonomen wird dieser betriebswirtschaftliche Zusammenhang kaum noch bestritten.

Was aber ist mit den volkswirtschaftlichen Folgen? Nach den Berechnungen des McKinsey Global Institute profitierte die amerikanische Wirtschaft im Jahre 2003 unter dem Strich mit 1,14 Dollar von jedem Dollar, der für „offshoring“ und „offshore outsourcing“ ausgegeben wurde. Interessanterweise kommen die Ökonomen der international operierenden Unternehmensberatung zu einem entgegengesetzten Urteil für Deutschland: Für jeden Euro, den unsere Unternehmen in Produktionsverlagerungen stecken, entsteht der deutschen Wirtschaft insgesamt ein Nettoverlust von 20 Cent.

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