Oscar-Verleihung
Kommentar: Das Lob der Anderen

Die Berlinale ließ zuletzt den deutschen Film links liegen. Und im vergangenen Jahr? Da wurde Florian Henkel von Donnersmarcks Meisterwerk „Das Leben der Anderen“ vom größten deutschen Filmfestival sträflich verschmäht. Doch die Kinobesucher stimmten per Eintrittskarte ab.

Der Stasi-Film wurde zu einem Publikumserfolg im In- und Ausland. Das Beste: Hollywood hat den nicht einmal zwei Millionen Euro teuren Streifen nun mit dem Oscar für den besten nicht-englischen Film ausgezeichnet. Das ist für Donnersmarck der Aufstieg in den filmischen Olymp.

Für den deutschen Film ist der Oscar die Krönung einer zehnjährigen Aufbauarbeit. Seit den Erfolgen von „Lola rennt“ oder „Good Bye, Lenin“ haben deutsche Regisseure immer wieder internationale Erfolge gesammelt. Dank einer großzügigen Förderpraxis und einer wirtschaftlich mächtigen Fernsehindustrie ist eine vielfältige Produktionslandschaft entstanden. Der zweite Auslands-Oskar für einen Film aus der Bundesrepublik zeigt die künstlerische und technische Stärke der Filmschaffenden hierzulande.

Eigentlich haben es politische Filme schwer in Hollywood. Das Mekka der Filmindustrie liebt schnell erzählte und vor allem leicht verdauliche Stoffe. Noch vor ein paar Wochen hätte kaum jemand auf „Das Leben der Anderen“ als Oscar-Gewinner getippt. Doch Hollywood entdeckt zum Ende der Ära des amerikanischen Präsident George W. Bush wieder den politischen Film. Selbst die großen Studios schrecken vor der Verfilmung heikler Themen wie Blutdiamanten in Afrika mit dem Frauenliebling Leonardo di Caprio nicht zurück.

Dennoch ist die hohe Ehrung für „Das Leben der Anderen“ eine Überraschung. Denn ein Film über die Stasi ist ein sperriges, zudem sehr deutsches Thema. Für die meisten Filmregisseure war das ein Tabu. Es hat fast zwei Dekaden gebraucht, bis die zerstörerische Kraft des Geheimdienstes in der DDR filmisch aufgearbeitet wurde. Das ist Donnermarcks Verdienst über den heutigen Freudentag hinaus. Er diskutiert anspruchsvoll und intelligent ein Thema, das bis heute Millionen von Menschen prägt.

Dass ausgerechnet die Academy diese politische Arbeit Donnermarcks anerkennt, ist nicht frei von Ironie. Denn im eigenen Land hat die ansonsten selbstverliebte Berlinale als wichtigstes Filmfestival in Deutschland dem Regisseur Donnersmarck die Anerkennung versagt. Vielleicht ist es leichter, systemkritische politische Filme aus China auszuzeichnen als die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit. Das gilt vielleicht auch für die amerikanische Jury. Doch wen stört das noch? Heute jubelt ganz Deutschland. Wir sind Oscar.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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