Pakistan
Abfuhr für den Putsch-General

Der Erdrutschsieg der Opposition bei den Parlamentswahlen schenkt Pakistan die Chance auf einen Neuanfang. Säkulare und demokratische Kräfte haben an der Urne triumphiert.
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Das kündet von starker Sehnsucht nach Rechtstaatlichkeit und Gewaltentrennung im Volk. Den Islamisten und den Vertretern des militärischen Establishments bereiteten die Wähler eine vernichtende Niederlage. Das beweist, dass die Basis für eine Demokratie in der islamischen Republik vorhanden ist.

Pakistan hätte den Wendepunkt zurück zu einer zivilen Regierung früher erreichen können. Doch der Westen, angeführt von Amerika, hat der Kraft freier Wahlen zu lange misstraut – wie in anderen moslemischen Ländern. Das Ergebnis ist daher nicht nur eine schallende Ohrfeige für den langjährigen Militärherrscher und seit November zivilen Präsidenten Pervez Musharraf, sondern auch für Washington. Dort hielt man die Sicherheit des nuklear gerüsteten Frontstaats im Kampf gegen den Terror bis zuletzt in den Händen der Generäle für besser aufgehoben.

Dabei war seit langem klar, dass Musharrafs autoritäre Vorstellung von Stabilität den geostrategischen Schlüsselstaat in eine Sackgasse manövriert: Al Kaida baut das Land zum Rückzugsraum aus und unter der Nase der Sicherheitskräfte florieren Religionsschulen, in denen der heilige Krieg gegen den Westen gepredigt wird. Als Folge ergießt sich nun eine Welle des Terrors aus den abgelegenen Grenzprovinzen bis ins Herz der großen Städte. Geschwächt durch seine wachsende Unpopularität fehlt Musharraf die Kraft, gewalttätigen Islamisten Einhalt zu gebieten.

Obwohl er selbst nicht zur Wahl stand, kommt die Abstimmung einem Referendum über Pakistans starken Mann gleich. Der selbstgefällige Putsch-General hat in Bausch und Bogen verloren. Die Legitimität seiner Macht liegt nun völlig in Scherben. Das wird es Musharraf erschweren, seine fünfjährige Amtszeit zu erfüllen. Eine von den USA favorisierte Allianz mit der Pakistanischen Volkspartei (PPP) der ermordeten Benazir Bhutto bleibt zwar möglich und könnte ihm kurzfristig Luft verschaffen. Doch als politischer Führer der Nation ist Musharraf verbraucht.

Das dürfte über kurz oder lang nicht nur Amerika zur Kenntnis nehmen, sondern auch die Armee, die wirkliche Basis seiner stark geschrumpften Macht. Das Militär bestimmt die Geschicke der Nation seit ihrer Gründung vor 60 Jahren entscheidend mit. Dies geschah bislang teils vor, teils hinter den Kulissen, aber immer mit Duldung des Westens – und zum Schaden der ganzen Region.

Pakistans Demokraten haben mit ihrem Wahltriumph nun nach acht Jahren offener Militärdiktatur eine kleine Chance, den Einfluss der Uniformierten zurückzudrängen. Im Idealfall erlebt das Land den Wendepunkt hin zu dauerhaft überlebensfähigen Demokratie. Wie sehr diese Staatsform gegen jede Art von Extremismus feit, beweist das ebenfalls aus der Konkursmasse des britischen Empires geborene Indien . Dass Pakistan verspätet eine ähnliche Entwicklung einschlägt, bleibt allerdings eine schwache Hoffnung. Sie kann an der tiefen politischen und sozialen Zerrissenheit des Landes scheitern. Auch die von Gewalt durchzogene Geschichte gebietet Skepsis.

Verglichen mit der Musharraf-Ära stellt Pakistans neue politische Landschaft zwar eine klare Verbesserung dar. Aber die Herausforderungen bleiben riesig. Nachdem die Armee bei der Stabilisierung der bedrohlich zwischen Moderne und Mittelalter wankenden Nation versagt hat, fällt diese Schlüsselaufgabe nun den zwei führenden demokratischen Parteien zu: der von Bhuttos Witwer Asif Ali Zardari gelenkten PPP und der Nawaz-Liga des 1999 von Musharraf weggeputschten Ex-Premiers Nawaz Sharif. Beide sind durch langes Exil gereift und geläutert. Doch schnelle Erfolge sollte niemand von ihnen erwarten: Die beiden Oppositionsführer haben sich in früheren politischen Spitzenämtern als unfähig erwiesen. Zudem hängt ihnen der Ruch von Korruption und Egomanie an. Und um ihr Land auf einen neuen Kurs zu steuern, müssten die Erzfeinde lernen, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten.

Langfristig ist eine demokratisch legitimierte Regierung sicher das beste Bollwerk gegen eine Islamisierung des Landes. Doch Erwartungen, sie könne die im Grenzgebiet zu Afghanistan agierenden Taliban entschiedener bekämpfen, müssen sich erst bewahrheiten. Denn die lange Geduld der USA mit Musharraf und ihre Fehler im Mittleren Osten haben den Anti-Amerikanismus in Pakistan extrem angefacht. Politiker können das kaum ignorieren: Jüngsten Umfragen zufolge finden nur neun Prozent der Bürger, ihr Land solle beim Kampf gegen den Terror mit Washington zusammen arbeiten.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent

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