Pakistan
Analyse: Talibanisierung

Der blutige Kampf um die Rote Moschee in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist weit mehr als nur ein lokales Ereignis: Die Auseinandersetzung ist Ausdruck einer an Tempo gewinnenden Talibanisierung des Landes. Doch die Tragweite einer solchen Entwicklung reicht weit über das „Vorbild“ Afghanistan hinaus.
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Eine gewonnene Schlacht ist noch längst kein gewonnener Krieg. Als ehemaliger General kennt der pakistanische Präsident Pervez Musharraf natürlich diese militärische Binsenweisheit. Selbst wenn es seinen Sicherheitskräften mit brachialer Gewalt gelingen sollte, im Konflikt um die „Rote Moschee“ in Islamabad auf Dauer die Oberhand zu bekommen: Die tief greifende Auseinandersetzung zwischen der immer schwächer werdenden staatlichen Autorität und den radikalen religiösen Kräften in dem südasiatischen Land wird dadurch nicht gelöst. Im Gegenteil: Druck erzeugt stets Gegendruck. Dies ist nicht nur eine Regel der Physik, das lehrt auch die politische Erfahrung.

Der aktuelle Kampf um die Rote Moschee ist jedenfalls weit mehr als nur ein lokales Ereignis. Er ist Ausdruck einer zunächst schleichenden, vom Regime stets vehement geleugneten, dann aber an Tempo gewinnenden Talibanisierung des Landes, die jetzt eben auch die Hauptstadt erreicht hat.

Der Aufstand der Koranschüler demonstriert auf drastische Weise, mit welcher Geschwindigkeit sich Pakistan in Richtung eines so genannten zerfallenden Staates bewegt. Eine ganze Reihe von Provinzen droht sich dem Einfluss der Regierung zu entziehen. Und das Grenzgebiet zu Afghanistan ist ihr bereits völlig entglitten. Exakt aus dieser Region, die den afghanischen Dschihadisten, den Kämpfern des Heiligen Krieges, als Aufmarsch- und Rückzugsgebiet dient, gehen ungehindert die Impulse zur religiösen Radikalisierung des Landes aus. Nicht nur das blutige Drama um die Rote Moschee zeigt, dass diese Entwicklung kaum gebremst werden kann.

Und hier stellt sich die Frage, ob Pervez Musharraf dies überhaupt noch mit aller Macht will. Denn die Strategie des Präsidenten, der sich als Oberbefehlshaber der Streitkräfte im Oktober 1999 unblutig an die Macht putschte, verfolgt seit Jahren eine Strategie der Doppeldeutigkeit: Einerseits präsentiert er sich seit den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 und dem dann gestarteten Afghanistan-Feldzug der Amerikaner als strategischer Verbündeter der USA. Und lässt sich dies mit Milliarden Dollar auch fürstlich bezahlen.

Andererseits darf er diesen Schulterschluss nicht allzu eng werden lassen, sollen seine innenpolitischen Probleme nicht noch stärker eskalieren. Insofern ist es ihm hochwillkommen, dass die früheren permanenten Forderungen aus Washington, Pakistan möge sich im Kampf gegen El Kaida und Taliban doch stärker engagieren, heute zumindest etwas leiser formuliert werden.

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