Pakistan
Kommentar: Nicht mehr als eine Atempause

  • 0

Mit dem Sturm auf Islamabads Rote Moschee hat Pakistans bedrängter Militärherrscher General Pervez Musharraf in einem kritischen Moment Handlungsstärke bewiesen. Das Gotteshaus mitten in der Hauptstadt war zum Symbol geworden für den Dolch des Fanatismus, der auf das Herz des zweitgrößten moslemischen Landes der Welt zielt. Mit Hetzreden und immer dreisteren Entführungen hatten die dort verschanzten Mullahs in den vergangenen Monaten eines klar gemacht: Pakistans schleichende Talibanisierung beschränkt sich nicht auf unzulängliche Regionen entlang der Grenze mit Afghanistan, über welche die Regierung die Kontrolle verloren hat. Nun hoffen die Extremisten, ihr Märtyrertod werde eine islamische Revolution auslösen. Dies ist unwahrscheinlich, zumindest kurzfristig.

Trotz des Blutvergießens darf Musharraf in der moderaten, säkular denkenden Mehrheit seines Volks für seinen Schlag gegen die Radikalen auf Unterstützung zählen. Auch durch westliche Hauptstädte dürfte ein erleichterter Stoßseufzer gehen. Schließlich ließ sich ein zentraler Alliierter im Kampf gegen den Terror von den Fanatikern in der Moschee monatelang als ängstlicher Taktierer vorführen. Am Ende musste sich Musharraf des Eindrucks erwehren, er kapituliere vor aufwallendem Extremismus statt diesen beherzt zu bekämpfen. Nun schlüpft er wieder in die Hauptrolle einer Inszenierung, die für seinen Verbleib an der Macht unerlässlich ist: die des einzigen Bollwerks gegen die Machtübernahme von Mullahs in einem Nuklearstaat.

Doch das späte Eingreifen schürt Misstrauen über seine wahren Motive. Die nun zum Schweigen gebrachten Kleriker unterhielten enge Kontakte zu den Taliban und glorifizierten offen El-Kaida-Chef Osama bin Laden – in unmittelbarer Nachbarschaft zum Präsidentenpalast. Ohne Deckung des Establishments wäre dies kaum möglich gewesen. Für Kritiker facht Musharraf islamischen Fanatismus seit langem gezielt an, um die säkulare Opposition in Schach zu halten. Die Schlacht um die Rote Moschee zeigt, wie leicht sich Pakistans Generäle beim Spiel mit diesem Feuer die Finger verbrennen. Indem er in bewährter Manier clever den Eindruck erweckt, ohne ihn stürze das Land ins Chaos, mag Musharraf seine bröckelnde Machtbasis kurzfristig konsolidieren.

Doch die Atempause wird nicht lange dauern. Denn sieben Jahre nach der Machtergreifung in einem unblutigen Putsch hat sich der General in einen unsinnigen Zwei-Fronten-Krieg verrannt: Solange er zugleich gegen aufwallenden Fundamentalismus und erstarkende demokratische Kräfte kämpft, kann sein Land nur verlieren.

Indonesien macht vor, wie effektiv eine demokratische, pluralistische Zivilgesellschaft den Islamismus im Zaun hält. Auch in Pakistan wären die Fundamente dafür vorhanden. Das zeigen die vehementen, weitgehend friedlichen Proteste gegen Musharrafs eigenmächtige Entscheidung, den obersten Verfassungsrichter zu entlassen. Der dadurch ausgelöste politische Orkan wurde durch das Drama um die Moschee in den Hintergrund gedrängt.

Aber auch diese Krise ist nicht vorüber. Sie hat die Macht des Autokraten geschwächt und eine notorisch zersplitterte demokratische Opposition zusammengeschweißt. Verschafft Musharraf dieser im Vorfeld der gegen Ende des Jahres anstehenden Neuwahlen keinen größeren Freiraum, dann stärkt er genau jene Mullahs wieder, die er gestern in die Schranken wies. Sie werden die Chance dankbar aufgreifen, sich als einzige schlagkräftige Gegenbewegung zum Militär zu profilieren. Dies sollten westliche Freunde Pakistans dem General deutlicher als bisher ins Stammbaum schreiben. Denn nur als gefestigte Demokratie ist Pakistan langfristig vor der Gefahr gefeit, zu einem zweiten Iran zu werden.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent

Kommentare zu " Pakistan: Kommentar: Nicht mehr als eine Atempause"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%