Papst
Analyse: Das offene Konklave

Habemus papam“ – dem erleichterten Ruf nach der erfolgreichen Wahl eines neuen Papstes geht diesmal ein weitaus offenerer Prozess als in all den Jahrhunderten zuvor voraus. Das zeichnet sich jetzt schon in den ersten Tagen nach dem Tod von Johannes Paul II. ab.

Denn dass wahlberechtigte Kardinäle schon vor dem Zusammentritt des Konklaves in dieser Form über ihre Erwartungen sprechen, das hat es noch nie gegeben. Die westliche Welt sei noch nicht reif für einen schwarzen Papst, äußerte sich gestern überraschend der nigerianische Kardinal Francis Arinze. Der amerikanische Kardinal Theodore McCarrick spekuliert in der Washington Post zu den Chancen eines US-Papstes: „Ich würde kein Geld darauf verwetten.“ Und Berlins Kardinal Georg Sterzinsky gibt vor, der neue Papst dürfe seinen Vorgänger nicht kopieren, sondern müsse ein eigenes Profil haben.

Die sich da so freimütig äußern, sind keine Leichtgewichte im Kardinalskollegium. Arinze ist eigentlich selbst „der“ Kandidat, wenn es um einen schwarzhäutigen Papst geht. Hinter McCarrick steht die US-Fraktion, mit elf Kardinälen die zweitgrößte nach Italien. Die sechs wahlberechtigten Deutschen mit dem wichtigen Dekan des Kardinalskollegiums, Joseph Ratzinger, in ihrer Mitte spielen eine Schlüsselrolle im Konklave.

Dass solche Äußerungen also sozusagen aus Versehen gemacht werden, ist ziemlich unwahrscheinlich. Arinze gehört zu den erfahrensten Kurienkardinälen überhaupt. Vielmehr wird deutlich: Im Vorfeld des eigentlichen Wahlgangs in der Sixtinischen Kapelle bedienen sich die Kardinäle der Medien, um bestimmte Botschaften zu transportieren. Derzeit geht es um erste Positionierungen. Ein Verfahren, das angesichts des mittelalterlich anmutenden Zeremoniells der Papstwahl erstaunt, aber aus dem politischen Alltag moderner Demokratien geläufig ist: Bevor eine wichtige Personalentscheidung wirklich auf einen Namen zuläuft, werden Anforderungsprofile allgemeiner Natur vor allem durch Aussagen in den Medien geschaffen.

Konkret geht es bei den bisherigen Äußerungen der Kardinäle oft auch um „Negativaussagen“ zum Schutz von Interessen: Dieser oder jener kann es nicht werden, weil die Zeit noch nicht reif oder die Unterstützung nicht gegeben sei. Durch das „Zurückholen“ von Favorisierungen wird die betreffende Person so im Spiel gehalten. Denn wie in der Politik ist der Name desjenigen sozusagen verbrannt, der vor einer Wahl häufig genannt wird. Im Vatikan-Sprachgebrauch: Wer als Papst in das Konklave geht, kommt als Kardinal wieder heraus.

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