Papst
Vor der Blauen Moschee

Im Koran heißt es an einer Stelle: „Und du wirst finden, dass diejenigen, die den Gläubigen in Liebe am nächsten stehen, die sind, welche sagen: Wir sind Christen.“

Die angesprochenen Gläubigen sind alle Muslime, die auf das Wort Gottes und seines Propheten Mohammed hören, also auch diejenigen, die morgen in der Türkei einen ganz besonderen Christen erwarten: Papst Benedikt XVI. Werden sie ihn mit dieser großen Achtung des Korans empfangen? Für das Verhältnis von Christentum und Islam steht viel auf dem Spiel, wenn das amtierende Oberhaupt der katholischen Kirche erstmals seinen Fuß in ein islamisches Gotteshaus setzt. Sollte Benedikt in Istanbul wirklich – wie sich überraschend am Wochenende abzeichnete – jene hochberühmte Sultan-Ahmed-Moschee betreten, die wegen der blauen Kacheln im Innenraum auch „Blaue Moschee“ genannt wird, dürfte sich entscheiden, ob dies als Geste der Versöhnung oder als Akt der Provokation verstanden werden wird.

Zu wünschen ist der türkischen Bevölkerung und dem Heiligen Vater, dass die positiven Blicke überwiegen. Hat nicht Benedikt viel getan, um die Empörung zu besänftigen, nachdem er im September in Regensburg den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos mit einer Äußerung zitiert hat, die den Islam als gewalttätig und irrational beschrieb? Hat er den muslimischen Botschaftern nicht eine Privataudienz gewährt und zur Einheit im Fastenmonat Ramadan aufgerufen? Vielen Muslimen ist jedoch der Argwohn geblieben. Wenn sie an die positiven Seiten des Christentums denken, dann bis heute an dessen große Mönche und charismatische Gestalten. Johannes Paul II. hatte noch den Koran geküsst und betont, Christen und Muslime würden zum selben Gott beten. Wird der Benedikt, der in seiner Vorlesung über die Verbindung von Glaube und Vernunft in jeder echten Religion sprach, diesen Anspruch auch erfüllen können?

Zweifel sind angebracht. Vor allem deshalb, weil zu vermuten ist, dass die lange geplante Reise in den Augen Benedikts eigentlich einen ganz anderen Zweck hat. Intendiert war offensichtlich viel mehr eine Annäherung an die christlich-orthodoxe Kirche, deren Patriarch Bartholomäus I. in Istanbul residiert. Zwar ist der Patriarch des früheren Konstantinopel schon lange nicht mehr der Führer der heute weltweit 300 Millionen Orthodoxen. Doch als Erster unter Gleichen könnte er den Weg nach Moskau und zum dortigen mächtigen und zentralen Patriarchat ebnen – das große Ziel vatikanischer Ostpolitik und das Vermächtnis Johannes Pauls an seinen Nachfolger.

Seit Amtsantritt Benedikts sind entsprechende Bemühungen auch durch den deutschen Kardinal Walter Kasper noch intensiviert worden. Die Orthodoxie hat viel mit dem Katholizismus gemein und bewahrt manche Traditionen noch reiner – dem Kirchenväterfreund Benedikt dürfte diese Annäherung eines der größten Anliegen seines Pontifikats sein.Doch ist das, global betrachtet, eine ökumenische Binnensicht. Der Kirchenführer Benedikt hat bisher immer noch nicht in seine umspannende politische Rolle gefunden. Die Weltöffentlichkeit wird bei der Türkei-Visite nur an der Frage interessiert sein, wie der Brückenschlag zwischen muslimischer und christlicher Hemisphäre gelingt. Also zwischen den beiden nach allen Prognosen am schnellsten wachsenden Religionen. Die Muslime stellen derzeit bereits ein Fünftel der Weltbevölkerung. Die Christen werden bis zur Mitte dieses Jahrhunderts wohl an die drei Milliarden Menschen zählen.

Neben dieser historischen Dimension kommt für Benedikt noch erschwerend hinzu, dass sein Besuch sehr konkrete politische Folgen in allerkürzester Zeit haben kann. Denn in diesen Tagen könnte eine Vorentscheidung über die Zukunft des EU-Beitritts der Türkei fallen. Bis Anfang Dezember sollte Ankara die Blockade zyprischer Schiffe und Flugzeuge aufheben. Sollte es zu Schwierigkeiten beim Papst-Besuch kommen, würde dies die Haltung der EU-Mitgliedstaaten zu den Beitrittsverhandlungen sicher nicht unberührt lassen. Noch als Kardinal hatte der heutige Papst sich übrigens einem Beitritt der Türkei zur EU reserviert gegenüber gezeigt. Auch dies ist den Gastgebern wohl bekannt. Die versöhnlichen Christen-Worte aus dem Koran – der Papst wird sie brauchen.

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