Pariser Presse
Schlechte Nachrichten

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In der französischen Tagespresse stehen umwälzende Veränderungen an. Das öffentliche Interesse daran ist in Frankreich aber erstaunlich gering. Offenbar regt die desaströse Lage der französischen Tageszeitungen niemanden mehr sonderlich auf.

Der Verkauf der französischen Wirtschaftszeitung „Les Echos“ durch die britische Pearson-Gruppe an den französischen Luxusriesen LMVH wird wohl in wenigen Wochen über die Bühne sein. Danach will sich LVMH von seinem derzeitigen Wirtschaftstitel, der Handelsblatt-Partnerzeitung „La Tribune“, trennen, um eine Monopolsituation zu vermeiden. Doch die drei Bieter (Alain Weill, Besitzer des Wirtschaftssenders BFM, Cyril Zimmermann, Chef des Werbevermarkters Hi-Media, sowie Philippe Micouleau, Ex-Chef von „La Tribune“) lösen innerhalb von „La Tribune“ mehr Sorge als Begeisterung aus: Denn sie alle wollten zwar die Marke und die Internet-Aktivitäten haben – aber keiner spreche klar aus, was er eigentlich mit der Zeitung vorhabe, heißt es aus Redaktionskreisen.

„La Tribune“ geht damit einer höchst unsicheren Zukunft entgegen. Und mit „Les Echos“ wechselt eine weitere Tageszeitung in die Hände eines Großindustriellen: Der Konservative „Le Figaro“ gehört schon dem Rüstungsindustriellen Serge Dassault. An „Le Monde“ ist EADS-Großaktionär Arnaud Lagardère beteiligt. Und die linke „Liberation“ befindet sich immer noch unter Gläubigerschutz, Eigentümer ist mittlerweile der Bankier Edouard de Rothschild.

Es gibt ein Bündel an Ursachen, warum in Frankreich der Betrieb einer landesweiten Zeitung zum teuren Hobby von Großindustriellen degeneriert. Zu den weltweiten Problemen der Branche (Konkurrenz durch Internet und Gratiszeitungen) gesellen sich in Frankreich noch Sonderfaktoren und hausgemachte Fehler.

Frankreichs Tageszeitungen verdienen traditionell wenig Geld: Laut EU-Kommission liegt die Marge gemessen am Ebitda (Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen) im Schnitt bei nur 3,4 Prozent – in Deutschland sind es knapp zehn Prozent, in Großbritannien gar 18 Prozent. Diese schlechte Rentabilität erklärt sich aus einem historischen Kostennachteil, der aus der Vormacht der Gewerkschaft CGT Livre resultiert. Im Einverständnis mit den Verlegern bestimmte sie seit dem Zweiten Weltkrieg, wer wann an welchem Posten in einer Druckerei/Setzerei arbeiten durfte. Die Folge: Frankreichs Druckereien sind üppigst besetzt, Modernisierungen wurden verschleppt, das Gehaltsniveau liegt über dem europäischen Schnitt. Kein Wunder, dass die neuen Gratisblätter im Ausland gedruckt werden.

Ferner haben Frankreichs Zeitungen ein Vertriebsproblem: Ein noch heute gültiges Gesetz aus dem Jahr 1947 regelt, dass die Vertriebskooperativen der Verleger für jeden neuen Anbieter offenstehen müssen, der unabhängig von seiner Größe die gleichen Rechte hat. Damit sollte die Pressevielfalt eigentlich geschützt werden. Das Gegenteil droht der Fall zu sein: Denn wegen der Regel werden die Kioske von einer Flut von 4500 Printprodukten überrollt, die sie nicht abbestellen, aber auch nicht verkraften können. Die Folge ist ein massives Kiosksterben, wodurch die Bezahl-Presse zunehmend vom Leser abgeschnitten wird. Der Abo-Versand (meist erst am späten Vormittag durch die Post) spielt ohnehin nur eine zweitrangige Rolle.

In diese labile Lage trat die neue Konkurrenz aus Internet und Gratispresse. Sie zog zunächst nicht die Stammleser ab, sondern die Anzeigenkunden. Dass die Gratispresse in Frankreich solch einen großen Erfolg hat, liegt aber auch an redaktionellen Versäumnissen. Eine Untersuchung zu „20 Minutes“ in Frankreich zeigt, dass die Leser das Gratisblatt aus inhaltlichen Gründen gegenüber der Bezahl-Presse bevorzugen – und nicht wegen des Preises.

Vor allem junge Leser stört die sehr politisierte Berichterstattung in Frankreichs Tageszeitungen. Da alle großen Redaktionen in Paris konzentriert sind, werden sie als Teil des elitären Mikrokosmos der Hauptstadt wahrgenommen. Ein Gratisblatt wie „20 Minutes“ beschränkt sich zudem auf nackte Nachrichten ohne jeden Kommentar. Und punktet damit vor allem bei der jungen, urbanen Leserschaft, also genau jener, der auch die deutschen Tageszeitungen verzweifelt hinterherlaufen.

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