Parmalat
Analyse: Gelassen

Stell dir vor, Parmalat geht Pleite und keinen Börsianer interessiert’s – dieser abgewandelte Spruch kommt einem in den Sinn angesichts des fast schon zynischen Ignorierens, mit dem die Finanzmärkte auf den Betrugsskandal beim italienischen Nahrungsmittelkonzern reagieren.

Stell dir vor, Parmalat geht Pleite und keinen Börsianer interessiert’s – dieser abgewandelte Spruch kommt einem in den Sinn angesichts des fast schon zynischen Ignorierens, mit dem die Finanzmärkte auf den Betrugsskandal beim italienischen Nahrungsmittelkonzern reagieren.

Das ist deswegen unverständlich, weil die Bilanzfälschungen sowohl hinsichtlich des Ausmaßes als auch wegen ihrer Dreistigkeit das Debakel beim US-amerikanischen Energiehändler Enron locker in den Schatten stellen. Dessen spektakulärer Kollaps Ende 2001 löste aber Schockwellen an den internationalen Aktien- und Anleihemärkten aus. Warum also reagieren die Anleger nun so cool?

Zunächst einmal ist es eine alte Börsenweisheit, dass, wenn zweimal das Gleiche passiert, es für die Märkte noch lange nicht dasselbe ist. Sicherlich: Bei beiden Konzernen hat das Management gegenüber Anlegern, Gläubigern und Banken gelogen und betrogen, was das Zeug hält. Damit haben sich die Gemeinsamkeiten allerdings auch schon erschöpft.

So spielen beziehungsweise spielten beide Unternehmen in vollkommen unterschiedlichen Ligen. Mittels einer rasanten Expansion war Enron per Ende 2000 mit einem Jahresumsatz von 100 Milliarden Dollar zum siebtgrößten US-Unternehmen und dem mit Abstand größten Erdgas- und Stromhändler der Welt geworden. Mit der Pleite des Konzerns, dessen Scheingeschäfte sich auf eine Milliarde Dollar summierten und der Schulden von über 13 Milliarden Dollar hinterließ, fiel einer der wichtigsten Handelspartner auf den Weltenergiemärkten aus. Angesichts der Größe des Unternehmens und des zu Tage kommenden Geflechts an weit verzweigten Finanztransaktionen und Bilanzmanipulationen, das die Banken mit aufgebaut und die Wirtschaftsprüfer jahrelang abgesegnet hatten, mussten die Anleger dabei zu Anfang fürchten, dass der Schaden weit höher ausfallen würde.

Demgegenüber ist Parmalat nach Nestlé, Unilever und Danone gerade mal die Nummer vier unter den europäischen Lebensmittelkonzernen. Der Jahresumsatz betrug zuletzt rund 8 Mrd. Euro – wie viel davon auch immer nur auf dem Papier steht. Selbst an der im internationalen Vergleich eher kleinen Börse Mailand spielte der Konzern, der erst im vergangenen Jahr den Sprung unter die 30 Mitglieder des Mailänder Leitindexes MIB geschafft hat, mangels Kursphantasie und angesichts eines geringen Anteils frei gehandelter Aktien – über 50 Prozent der Anteile liegen bei der Gründerfamilie Tanzi – eine zweitrangige Rolle. Demgegenüber erreichte Enron zu besten Zeiten einen Börsenwert von 70 Mrd. Dollar.

Die Finanzierungsstrategie von Parmalat fokussierte sich zudem stärker auf Anleihen. Bonds über 7,5 Mrd. Euro stehen derzeit bei den Italienern aus, der Großteil davon dürfte wertlos werden. Dies wird die meist auf Sicherheit bedachten Akteure an den Rentenmärkten nicht gerade beruhigen. Dennoch bestimmen dort Faktoren wie die allgemeine Konjunktur- oder Branchenentwicklung das Handelsgeschehen stärker als das Schicksal eines einzelnen Emittenten, dessen Emissionsvolumen sich relativ gesehen eher bescheiden ausnimmt.

Neben nüchternen Zahlen darf nicht vergessen werden, dass Psychologie an den Börsen eine ebenso wichtige Rolle spielt. Das Enron-Debakel traf die Anleger in einer Phase, in der die meisten von ihnen damit beschäftigt waren, die Folgen der geplatzten Internetblase zu verdauen. In einer derart angespannten Situation braucht es nicht viel, um Panik auszulösen. Dazu kam, dass Enron der Beginn einer ganzen Welle von Bilanzskandalen bei großen US-Konzernen war, die mit dem Telekomausrüster Worldcom sechs Monate später ihren Höhepunkt fand.

Ganz anders stellt sich die Stimmungslage heute dar. Nach drei Jahren Baisse und den Kursgewinnen der vergangenen Monate stehen für viele Anleger die Ampeln wieder auf Grün. Viel deutet darauf hin, dass sich die Konjunktur berappelt und die Zinsen niedrig bleiben – was das Risiko weiterer Pleiten naturgemäß senkt. Auch spielt die so genannte Kakerlakentheorie kaum noch eine Rolle: Ist erst der erste Schädling – in diesem Fall Enron – entdeckt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass noch Hunderte oder Tausende weitere in Ecken und Ritzen zu finden sind – was sich letztlich als richtig erwiesen hat.

Doch das Kalkül der Anleger hat einen Haken: den Vorschuss an Optimismus. Viele betrachten die Lage durch die rosarote Brille und unterschätzen die realen Gefahren und Risiken, die in einem solch frühen Stadium einer Börsen- und Konjunkturerholung immer noch bestehen. Wenn nämlich die Wirtschaft nicht wie erhofft dauerhaft anspringt, könnte in der Bilanz des einen oder anderen Wackelkandidaten noch so manche böse Überraschung gefunden werden.

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