Partei oder Protestbewegung?
Honeckers Erben und Brandts verlorene Kinder

Erst waren es die Grünen. Jetzt bedroht die neue Linkspartei das Fundament der SPD. Damals wie heute haben sich die politischen Koordinaten massiv verschoben.

HB DÜSSELDORF. Oskar Lafontaine nennt Gerhard Schröder und Franz Müntefering die Totengräber der Volkspartei SPD. Das ist polemisch und paradox zugleich, denn nichts gefährdet Macht und Größe der SPD mehr als der Kampf Lafontaines gegen seine frühere Partei. Der ehemalige SPD-Vorsitzende führt im Bundestagswahlkampf 2005 die nordrhein-westfälische Landesliste der Linkspartei an und will zusammen mit Gregor Gysi eine starke sozialistische Linke in Deutschland aufbauen.

Gysi und Lafontaine, ein seltsames Doppel. Beide waren praktisch schon von der politischen Bühne verschwunden, beide hatten sich unter mehr oder weniger unwürdigen Umständen aus ihren Ämtern davongemacht, um hernach vor allem als Fernsehunterhalter tätig zu werden. Ihrer Attraktivität scheint all das nicht geschadet zu haben. In Berlin hat ihre neue Partei Großformate an die Straßen gehängt. Da lächelt ein naiv grinsender Gysi von unten rechts den strammstehenden Lafontaine an. "Napoleon und der Narr", sagen die Berliner Taxifahrer und schütteln die Köpfe.

Dank Gysi und Lafontaine hat die Linkspartei/PDS gute Chancen, in den Bundestag zu kommen. Dadurch haben sich die politischen Orientierungen im Land verschoben. Im Zeichen der Gefahr von links hat die SPD ihr neoliberales Reformoutfit in den Kleidersack gestopft und den Blaumann hervorgekramt. Die "Millionärssteuer" soll das Ausfransen am linken Rand stoppen. Noch ist die Rechnung nicht aufgegangen, das liegt auch am Spitzenkandidaten, der einfach nicht zum neuen "sozialdemokratischen" Muster des Wahlkampfs passen will . Die Linkspartei aber träumt bereits davon, mit Lafontaine im Westen und der Stärke der PDS im Osten drittgrößte Fraktion im Bundestag zu werden.

Für die SPD ist die Linkspartei mehr als eine Herausforderung. Da ist das historische Trauma der Linksabspaltung namens USPD vor beinahe 90 Jahren; da ist natürlich auch Oskar Lafontaine, lange Zeit der Liebling der SPD-Linken. Noch gravierender aber wirkt, dass die Linkspartei nun schon die zweite Formation ist, die die Kernwählerschaft der SPD und damit die Substanz der linken Volkspartei bedroht. Es waren die Grünen, die Ende der 70er-, Anfang der 80er-Jahre das Vier-Parteien-System aus CDU, CSU, Sozialdemokraten und FDP aufbrachen. Seither ist die SPD nur noch einmal über die 40-Prozent-Marke gesprungen, im Jahr 1998 mit Gerhard Schröder und seiner "neuen Mitte". Sieben Jahre später kann die Sozialdemokratie froh sein, wenn sie mehr als 30 Prozent erreicht. So stehen Grüne und Linkspartei auch für den schleichenden Niedergang der Sozialdemokratie.

Seite 1:

Honeckers Erben und Brandts verlorene Kinder

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Seite 5:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%