Partei-Rechte macht sich Mut für den Wahlkampf
SPD: Titanic auf dem Wannsee

Die Stimmung in der SPD schwankt zwischen Ratlosigkeit, Trotz und Zwangsoptimismus. Auch an beißendem Spott mangelte es auf einer Dampferfahrt der Partei nicht.

BERLIN. Äußerlich ist es wie jedes Jahr, wenn der konservative "Seeheimer Kreis" der Partei zur Spargelfahrt lädt. Das riesige Ausflugsboot ist zum Bersten gefüllt. Auf der Teilnehmerliste drängt sich die rote Polit-Prominenz. Bier und Wein fließen in Strömen. Aber etwas scheint anders. Irritiert blickt man in bekannte Gesichter: Ulla Schmidt, Hans Eichel, Wolfgang Clement. Gejagt von den Krankenkassen. Erdrückt vom Schuldenberg. Verraten von der eigenen Fraktion. Ein zweifelnder Gedanke schießt sekundenschnell durch den Kopf: Sind sie noch Minister? Oder tun sie nur so? Eine Dampferfahrt als Ehemaligentreffen.

Der Kanzler aber ist zweifelsohne echt, und er strahlt mit dem schönsten Fernsehlächeln, seit er das Boot bestiegen hat. Kämpferisch greift er nach dem Mikrofon. Redet ohne Manuskript und Anzugsjacke über Friedenspolitik und das "erbärmliche Schauspiel" der Union bei der europäischen Einigung. "Gerade in der Krise muss man den Rücken steif machen, wenn es um eine unsterbliche Idee geht", fordert er.

Hier im Kreise der treuen Parteirechten wirkt Gerhard Schröder um Längen besser als am Vorabend auf dem Sozialstaats-Kongress der Partei, als er sich holprig und leidenschaftslos am Kapitalismus abarbeitete. "Gerechtigkeit" nennt er als Wahlkampfziel, betont aber, "nur durch Veränderungen" sei der Sozialstaat zu erhalten: "Die Agenda 2010 müssen wir entschieden fortentwickeln." Keineswegs seien die Reformen Geschichte: "Lasst Euch das nicht von manchem Vertreter der Partei einreden!" Nun ist Schröder richtig in Fahrt, und er zieht das letzte Register: Er wolle, so sagt er, seinen beiden Töchtern sagen können: "Wir haben uns nicht nur bemüht. Wir haben gekämpft - und zwar um Eure Zukunft!"

Aufrechter Gang. Unsterbliche Idee. Historische Mission. Die Maschinen im Unterdeck scheinen heiß zu laufen. Der Saal applaudiert begeistert. "Fröhlich, energisch und siegesgewiss" sei die Partei, behauptet Seeheimer-Sprecher Johannes Kahrs: "Wir freuen uns auf den Wahlkampf!"

Im persönlichen Gespräch stellt sich die Lage etwas anders dar. Da ist viel vom Frust an der Basis, von der Irritation über den politischen Kurs und auch der Sorge manches Abgeordneten um seine berufliche Existenz die Rede. Die Stimmung schwankt zwischen Ratlosigkeit, Trotz und Zwangsoptimismus. "Die halbe Woche, die wir hinter uns haben, ist besser als die ganze letzte Woche", kalauert Parteichef Franz Müntefering unter Anspielung auf die kakophonische Bundespräsidenten-Debatte.

Im engsten Umfeld des Vorsitzenden ist man ernsthaft überzeugt, nun endlich Boden unter die Füße zu bekommen. Die politische Auseinandersetzung werde sich den Inhalten zuwenden, "und da stellen wir die Union". Ein Fall von Autosuggestion? "Im besten Fall reicht das Ergebnis für die Rolle des Juniorpartners einer Großen Koalition", wendet ein altgedienter Genosse ein.

Der Kanzler ist längst von Bord, als die Damenband "Salome" richtig aufdreht: "I will survive" - das wünscht sich jeder hier. Ein paar Jusos tanzen zur Musik, während der glücklose Generalsekretär Klaus Uwe Benneter das Abendlicht auf Deck genießt. Ob er bei der Wahl um seinen Job bangt? Achselzucken. "Ich habe schon manchen überrascht", lächelt der Berliner.

Plötzlich deutet er ans Ufer. "Da hinten liegt mein Wahlkreis", sagt er. In der Dämmerung erkennt man die Umrisse der vornehmen Insel Schwanenwerder. Viele Bäume. Ein paar Villen. Und wahrscheinlich jede Menge Heuschrecken.

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