Parteitag in Boston
Kommentar: Brückenbauer Kerry

„Ich bin John Kerry, und ich melde mich zum Dienst.“ Mit diesen Worten empfahl sich der demokratische Präsidentschaftskandidat gestern Abend als Alternative zu George W. Bush. Der hoch dekorierte Vietnam-Veteran Kerry versuchte auf dem Nominierungsparteitag in Boston seine militärische Erfahrung voll auszuspielen. Dabei signalisierte er einen scharfen Kurs gegen den Terrorismus – mit dem Ziel, den Vorteil des Präsidenten beim Thema Führungsstärke wettzumachen. Auf der anderen Seite hielt er ein Loblied auf Amerikas traditionelle Verbündete – eine Attacke gegen Bushs „Koalition der Willigen“. Die USA dürften nur bei einer unmittelbaren Bedrohung in den Krieg ziehen, forderte Kerry mit Blick auf den Irak. Die Botschaft des Kandidaten: Er ist im Zweifelsfall so hart wie der Präsident, aber auf intelligentere Weise.

Kerry vermied schrille Töne und griff den Chef des Weissen Hauses nicht direkt an. Die Rede sollte staatstragend und präsidentiell erscheinen und war vor allem auf die entscheidenden Wechselwähler in der Mitte ausgerichtet. Damit wollte sich Kerry als Versöhner profilieren, der die gespaltene Nation zusammenführen kann, was Bush nicht gelungen ist. Um den Vorwurf mangelnder Visionen zu konterkarieren, griff der Demokrat tief in die Rhetorik-Kiste vergangener Präsidenten. Mit seinem Appell an den amerikanischen Pioniergeist nahm der Kandidat Anleihen bei seinem grossen Vorbild John F. Kennedy. Und der Hinweis, dass die besten Tage den US-Bürgern noch bevorstehen, war Ronald Reagan pur.

Damit wollte Kerry die Kritik der Republikaner vom Tisch wischen, er betreibe eine reine Pessimismus-Kampagne. In Boston hat der Bush-Herausforderer eine seiner besten Reden gehalten, auch wenn er bei wichtigen Themen noch konkreter werden muss. So ist seine Irak-Politik genauso schwammig wie die von Bush. Bei den Amerikanern duerfte er durch seinen behrzten Auftritt Punkte gemacht haben. Der grosse Durchbruch ist dies aber noch nicht.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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