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Pharma im Höhenrausch

Die deutsche Pharmabranche erinnert ein wenig an Londoner Linienbusse: lange kommt keiner, aber dann gleich drei hintereinander.

Kaum hat Bayer die Übernahme der Berliner Schering AG unter Dach und Fach gebracht, folgen zwei weitere große Transaktionen mit der Übernahme von Serono durch Merck und dem Verkauf der Altana-Pharmasparte an die dänische Nycomed. So stark in Bewegung war die deutsche Arzneimittelindustrie wohl nur bei Gründung der IG Farben.

Ein schleichender Umbruch in der Branche hat im Grunde jedoch bereits in den frühen 90er-Jahren begonnen, als der Schweizer Pharmariese Roche das Familienunternehmen Boehringer Mannheim schluckte und Jürgen Dormann die Transformation des Hoechst-Konzerns vorantrieb. Mit Ausnahme von Boehringer Ingelheim haben seither praktisch alle großen deutschen Arzneimittelhersteller „transformierende“ Transaktionen vollzogen: Hoechst, BASF Pharma, Asta Medica, Schering und Altana wurden oder werden verkauft, Bayer und Merck dagegen haben zugekauft und übernahmen damit nach langem Zaudern endlich eine aktive Rolle in der Konsolidierung.

Auch wenn dieser Aufholjagd nun ein Hauch von Torschlusspanik anhaftet, strategisch gesehen hat sie einige gute Gründe auf ihrer Seite. Eine breitere Basis im Pharmageschäft mindert die Abhängigkeit von einzelnen Produkten und stärkt die Position im Wettbewerb um interessante Lizenzen. Auch mit der Konzentration auf Spezialmedikamente und Biotechnologie befinden Bayer und Merck sich in bester Gesellschaft. Marktführer Pfizer hat gerade das Ziel ausgegeben, zum führenden Biotechunternehmen aufzusteigen.

Der neue Expansionsdrang im Pharmasektor birgt indessen auch Schwächen und Risiken, vor allem mit Blick auf die Finanzierungs-strukturen. Denn ganz anders als bei den meisten großen Pharmamergern der letzten Jahre setzen Bayer und Merck auf Cash-Transaktionen und bürden sich damit relativ hohe Finanzierungslasten auf. Fasst man die jüngsten Deals zusammen, fließen zunächst einmal mehr als 25 Mrd. Euro aus der deutschen Pharmabranche ab. Die neuen „Champions“ werden voraussichtlich als die am höchsten verschuldeten Firmen der Branche ins Rennen gehen. Ähnliches zeichnet sich für Altana ab, weil hinter dem Käufer Nycomed Finanzinvestoren stehen.

Die neuen Akteure im europäischen Mittelfeld laufen mithin Gefahr, sich mit den jetzigen Deals zu verausgaben und für den nächsten Schachzug keine Reserven mehr zu haben. Selbst wenn die Integration der Zukäufe reibungslos verläuft, fehlen für einen zweiten Schuss womöglich die Zeit und das nötige Pulver. Das alles erscheint umso bedenklicher, als man im Wettbewerb um Lizenzen und Produkte fast durchweg gegen Konkurrenten mit tiefen Taschen antreten muss.

Die Konsequenz kann eigentlich nur darin bestehen, die Pharmaexpansion abzusichern, indem die Konzerne andere Geschäftsteile verkaufen. Wollen sie weiter nach oben, muss Bayer früher oder später darüber nachdenken, Pflanzenschutz und Kunststoffe abzugeben, Merck die Generika und Spezialchemie. Solange der Mut dazu fehlt, bleibt ein neues goldenes Zeitalter für die deutsche Pharmabranche in weiter Ferne.

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