Pharmabranche
Hypochonder

Auch wenn viele Negativfaktoren die Branche belasten, sie erinnert an eines der bekanntesten Stücke von Molière: den „Eingebildeten Kranken“. Es fällt in diesen Tagen nicht allzu schwer, ein düsteres Bild von der pharmazeutischen Industrie zu malen.
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Großkonzerne wie Pfizer, Glaxo-Smithkline oder Novartis kämpfen mit Umsatzeinbußen und müssen Personal abbauen. Reihenweise scheiterten vermeintliche „Blockbuster“ in klinischen Tests oder Zulassungsverfahren. Konkurrenten aus der Generika-Branche agieren aggressiver, während eine Welle neuer Patentabläufe auf die Branche zurollt.

Der wichtige US-Markt wächst so langsam wie seit Jahrzehnten nicht mehr und könnte von einer Gesundheitsreform der Demokraten zusätzlich belastet werden. Unterdessen forcieren Krankenkassen in Europa den Preiswettbewerb über neue Rabattsysteme und verschärfte Kosten-Nutzen-Analysen. An der Börse bewegen sich die Bewertungen vieler Pharmahersteller längst auf einem Niveau, das Niedergang unterstellt und nicht etwa eine blühende Zukunft.

Vor allen Dingen gilt das mit Blick auf die finanzielle Verfassung der Industrie. Denn Widrigkeiten wie Generikakonkurrenz und Patentabläufe haben zwar die Ertragsdynamik gebremst, aber bislang keine gravierenden Spuren hinterlassen.

Die führenden 20 Unternehmen der Branche haben ihren Betriebsgewinn seit Anfang des Jahrzehnts auf zusammen mehr als 120 Milliarden Dollar verdoppelt und dürften 2008 weiter zulegen. Kostensenkungsprogramme bieten nach wie vor reichlich Spielraum, die operativen Renditen auf deutlich zweistelligem Niveau zu halten, auch wenn das Wachstum gebremst ist.

Problematischer erscheint die Situation in der Forschung und der Produktentwicklung. Die Rahmenbedingungen haben sich hier ohne Zweifel verschlechtert. Unter dem Einfluss von Produktausfällen wie Vioxx oder Lipobay schraubten Zulassungsbehörden in den USA und Europa ihre Anforderungen an die Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten deutlich nach oben. Während die Forschungsausgaben neue Rekordwerte erreichten, sank die Zahl der neu zugelassenen Wirkstoffe im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Wert seit Anfang der 80er-Jahre.

Für Neuentwicklungen gegen chronische Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck sind heute Studien erforderlich, die um ein Vielfaches umfangreicher sind als noch in den 90er-Jahren. Gleichzeitig sinken die Chancen, mit geringfügigen Molekül-Varianten, sogenannten Me-too-Produkten, Zulassungen zu erhalten und vernünftige Preise zu erzielen. Tendenziell müssen Pharmafirmen damit sowohl höhere Kosten als auch steigende Ausfallraten in der Produktentwicklung in Kauf nehmen. Und zumindest bei einigen Großkonzernen erscheinen Zweifel berechtigt, ob ihre Produkt-Pipelines genügend Nachschub liefern, um Patentausfälle zu kompensieren.

Ob die Branche insgesamt tatsächlich in eine längerfristige Innovationslücke steuert, bleibt gleichwohl abzuwarten. Die Innovationsquote fällt deutlich günstiger aus, wenn man die Möglichkeit mit einbezieht, neue Einsatzfelder für existierende, bereits etablierte Medikamente zu erschließen. Im Schatten von prominenten Pharmabestsellern wie dem Cholesterinsenker Lipitor verbuchten viele Spezialmedikamente in den vergangenen Jahren erstaunliche Umsätze. Die Zahl der „Blockbuster“ mit mehr als einer Milliarde Dollar Umsatz ist daher auch 2007 kräftig gewachsen.

Vieles wird davon abhängen, wie schnell die Großkonzerne ihre Forschungs-Strategien an die neuen Rahmenbedingungen anpassen. Firmen wie Roche und Boehringer haben gezeigt, dass der vorübergehende Verzicht auf Rendite zugunsten höherer Investitionen reiche Erträge bringen kann. Tendenziell bewegen sich auch andere Hersteller in diese Richtung, indem sie Ressourcen aus Produktion und Vertrieb in Richtung Produktentwicklung umschichten. Aber mit Blick auf die nächsten Quartalszahlen und aus Furcht vor negativen Kapitalmarktreaktionen erfolgen viele Schritte nur zaghaft. Das kann und muss sich ändern, wenn die Branche wieder auf den alten Wachstumskurs zurückfinden will.

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