Piraten
Das neue Freiheitsgefühl

Joachim Gauck ist Bundespräsident und die Piraten entern die deutsche Politik: Auch wenn sie manches gemein haben, trennt sie doch sehr viel. Die Unterscheidung zwischen Utopie und Wirklichkeit zum Beispiel.
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DüsseldorfSo viel von Freiheit war selten die Rede. Erst wählen wir Deutschen den  Freiheitsapostel Joachim Gauck zum Präsidenten. Dann wirbeln die „Piraten“ unter der Flagge der Freiheit unsere Parteiendemokratie durcheinander und liegen in aktuellen Umfragen bei neun Prozent. Obwohl beide Ereignisse viel miteinander zu tun haben, liegt doch eine Welt politischer Erfahrungen zwischen dem Freiheitsbegriff des neuen Bundespräsidenten und dem jener Freibeuter, die jetzt die deutsche Politik kapern.

Gauck geht es um Freiheit und Verantwortung, also um den Gebrauch der Freiheit zu etwas. Den Piraten geht es vor allem um Freiheit als Beutegut, also um die Befreiung von Regeln und Fesseln. Wozu sie den Gewinn an Freiheit nutzen wollen, sagen sie bislang nicht. Demokratie als Freibrief ohne Adressaten kommt aber nicht ans Ziel.

Vor dem Trennenden kommt jedoch das Gemeinsame. Zum Beispiel die wachsende Unzufriedenheit vieler Bürger mit und deshalb ihre Distanz zu dem politischen Betrieb in Deutschland. Ochsentour, Fraktionszwang, Parteidisziplin. Auch dem Freidenker Gauck sträuben sich bei solchen Begriffen die Haare, aber er ist Realist genug, zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Die Piraten sind hingegen noch nicht aufgewacht. Ihre Abneigung gegen Bevormundungen im Netz und anderswo lässt sie von einer grenzenlosen Freiheit träumen. Die Utopie einer „herrschaftsfreien Kommunikation“ (Habermas) schwingt hier mit, die durch das unkontrollierbare Internet endlich verwirklicht werden soll. Nur im Traum aber stößt sich die Freiheit der Piraten niemals an der Freiheit der anderen. In der Wirklichkeit geht es ganz anders zu: zum Beispiel, wenn die Netz-Räuber den Schutz des geistigen Eigentums lockern wollen und dabei die unternehmerische Kreativität und Freiheit derjenigen verletzen, die von den Produkten ihres Geistes leben. Solchen Ziel- und Denkkonflikten weichen die Freibeuter aus.

Das tun sie auch, wenn sie die Grundsicherung und den öffentlichen Nahverkehr aus Steuermitteln finanzieren wollen, ohne zu sagen, welche anderen staatlichen Leistungen dafür beschnitten werden sollten. Denn einen Aufruf zum Schuldenmachen, das trauen sich selbst die Politik-Neulinge nicht. Das Einmaleins des Wahlkampfs haben sie schnell gelernt.

Kommentare zu " Piraten: Das neue Freiheitsgefühl"

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  • @hasenohrfalter

    Sie sagen es mit Ihrem Beispiel von den Kernkraftwerken ja präzise: ie ganzen japanischen Minister und Politiker waren vollkommen inkompetent, selbst die Spezialisten vor Ort hatten mehr als nur "Probleme".

    Ich würde also von keinem Piraten erwarten, was ich von mir als 20jährigem nicht auch hätte erwarten können. Ich stimme aber mit Ihnen überein - ich persönlich kann die nicht wählen, weil ich bei ihnen keine "Lösungsansätze" erkennen kann, aber ich kann sie "mögen", wenn sie den Diskurs bereichern. Wenn sie das auch noch so tun, wie ich das seit 20 Jahren von den Grünen erwarte (und nicht bekomme), um so besser. Konkurrenz belebt das Geschäft und so üben die jetzt halt Druck auf die Grünen aus.

    Ich habe jetzt gute 20 Jahre darauf gewartet, warten müssen, daß "die Jugend" endlich ihren Hintern hochbekommt - und durfte ihr nur beim Konsum zugucken, was für einen alten Hippie ein ziemlich frustrierendes Unterfangen ist.

    Plötzlich erlebe ich, daß meine Töchter an Demos teilnehmen, gegen ACTA protestieren und sich von ihrem alten Herren nicht belehren lassen, daß das eigentlich ziemlich planlos ist, weil alles, was ACTA bringt bei uns schon Gesetz ist - und der Rest nur populistische Stimmungsmache. Schon witzig, oder?

    Was ich anders sehe als Sie: Ich denke nicht, daß die Piraten "zu feige" sind und nur auf Zustimmung schielen, da sind ein paar kluge Menschen an Bord - oder gerade in Pause gegangen. Martina ist ja durchaus Kluge Person, klug genug jedenfalls, um sich selbst zurückzunehmen.

    Lassen Sie uns doch einfach mal gucken, was die "Kiddies" hinkriegen, wir _müssen_ sie ja nicht wählen, oder?

    Aber wir sollten sie auch nicht versuchen in unsere "Schemata" zu pressen und uns lieber mal überraschen lassen, was sie uns anbieten und vielleicht etwas dazulernen.

    Nach 20 Jahren jugendlicher Genusskultur pur endlich wieder spannende Zeiten ...

  • @ hardy:

    Ich denke, es ist relativ unbestritten, dass alles was wir Wissen nennen nur Modelle sind, die mal mehr und mal weniger gut funktionieren. Aber mehr haben wir nun mal nicht zur Verfuegung, und wenn man darauf ganz verzichten moechte, weil man ahnt, dass diese Modelle sowieso nicht perfekt sind, dann bleibt eigentlich nichts mehr uebrig. Bei komplexen Problemen wie z.B. der Finanzkrise oder bei einem havarierten Kernkraftwerk stochert man nun mal auch im Nebel herum, und versucht das irgendwie mit den zur Verfuegung stehenden Mitteln und Informationen in den Griff zu bekommen. Aber ich kann mich doch nicht hinstellen und sagen: ich mache lieber jetzt gar nichts und ignoriere das alles, weil ich weiss, dass meine Massnahmen sich spaeter als unklug herausstellen koennten. Ich wuerde in beiden Faellen ehrlich gesagt auch lieber auf erfahrene und engagierte Experten zurueckgreifen als auf online-Abstimmungen.

    Was die 20-Jaehrigen angeht: Ich finde es toll, wenn die sich Gedanken machen und versuchen sich ein Bild von unserer Welt mit Verbesserungsvorschlaegen zu machen.
    Aber genau das vermisse ich ja bei der Piratenpartei, die haben einfach ueberhaupt keine Meinung zu den meisten Fragen, weil das ja falsch sein koennte oder sie ihre online-Absrtimmung noch nicht gemacht haben. Ich kann mir nicht vorstellen, das Ihre Generation damals aehnlich zurueckhaltend mit der Meinungsbildung war.









  • @hasenohrfalter

    "sich aus lauter Angst vor einem Irrtum ueberhaupt keine Meinung zu vielen wichtigen Themen zu bilden"

    Werter Hasenohrfalter, können Sie sich eigentlich noch daran erinnern, wie das war, als Sie noch jung waren???

    Mein G*tt, ich jedenfalls war ein komplett ahnungsloser Idiot, aber ich kannte "we want the world and we want it NOW!" Wir waren "Treibstoff", wir hätten auch explodieren können statt die Gesellschaft nach vorne zu bringen.

    Dieses "Recht auf Dummheit" räume ich den Piraten auch ein, schließe einmal von mir auf andere und hoffe, es werden sich ein paar finden, die mal Montagne lesen und anfangen sich für ihre eigene Geschichte, die tief in den Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts verwurzelt ist, interessieren.

    Wie gesagt, ich sehe die Schwachpunkte, die Gefahren, die Unzulänglichkeiten, aber - ich bin optimistisch, seit ich diese beiden tanzenden Hippies in Saarbrücken gesehen habe. Weil ich in dem Moment mich selbst vor 40 Jahren gesehen habe ...

    Ich denke nicht, daß die das "vortäuschen". Es geht ihnen bloß die Anmaßung ab, zu der _wir_ uns _zwingen_, nämlich die, so zu tun, als wüssten wir "Bescheid". Wissen wir nämlich nicht, wir tun nur so.

    Ich zb. höre seit 1987 Wortradio, jeden Tag ca 2 bis 3 Stunden Nachrichten und Features, lese viel - und denke, daß ich im Grunde "keine Ahnug" habe. Weil es einfach zu viel zu wissen gibt, daß ich _nie_ erfahren werde, so sehr ich mich anstrenge. Andere, die gerade mal die Schlagzeile eines Artikels gelesen haben, werden von dieser Unsicherheit wahrscheinlich nie befallen - die WISSEN BESCHEID. Naja, sie wissen halt, was in ihrem Kopf ist und halten das für die Welt.

    So gesehen ist diese "Naivität" absolut okay. Vierzig Jahre später können Ihnen diese Hippies wahrscheinlich auch die französische Revolution in einem Rutsch erklären, weil sie endlich mal Zeit hatten, sich um so was zu kümmern.

    Aber doch nicht mit 20!

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