PKV
Fluchtreflexe

Immer wenn sie das Wort „Wettbewerb“ hört, ergreift die Branche der privaten Krankenversicherer (PKV) ein Fluchtreflex. Das kennen wir schon seit Jahren.
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Aber zurzeit ist die Situation besonders absurd. Die Politik will die Versicherer zu ein ganz bisschen Wettbewerb zwingen. Die großen Anbieter und der PKV-Verband wehren sich mit zäher Lobby-Arbeit, bürokratischen Tricks und juristischen Beschwerden. Zugleich schert aber ein Teil der Branche aus und findet, ein ganz bisschen Wettbewerb sei doch gar nicht so schlimm. Was ist da los?

Das Grundproblem: Das heutige System der privaten Krankenversicherung passt mit einem echten Wettbewerb nicht zusammen. Würde man wie in jeder anderen Branche und wie bei den gesetzlichen Kassen den Kunden erlauben, nach Wunsch den Anbieter zu wechseln, dann käme es schnell zu großen Problemen – nicht nur für die Branche, sondern auch für die Kunden.Darauf weist die Branche seit Jahren zu Recht hin, ohne es in der Öffentlichkeit wirklich erklären zu können. Die Frage ist aber, ob das System in alle Ewigkeit so bleiben muss wie heute.

Es gibt mehrere Punkte, die in der PKV den Wettbewerb erschweren. Häufig wird die „Altersrückstellung“ genannt. Die privaten Versicherer bilden, anders als gesetzliche Kassen, Rückstellungen für junge Kunden, aus denen die im Alter steigenden Krankheitskosten aufgefangen werden sollen – was häufig aber nur zum Teil gelingt. Wenn man den Kunden den freien Wechsel ermöglicht, müssen diese Rückstellungen individuell berechnet und an den neuen Anbieter übertragen werden. Das ist kompliziert, aber es geht, wenn man nur will.

Viel größer ist ein anderes Problem. Die privaten Versicherer prüfen, anders als die gesetzlichen Kassen, vor Abschluss eines Vertrags die Gesundheit des potenziellen Kunden. Ist er zu krank, so bekommt er keinen Vertrag, oder er muss eine sehr hohe, in der Regel unattraktive Prämie zahlen. Wenn nun alle Kunden frei wechseln dürften, würden die Gesunden sehr schnell zu den billigsten Anbietern gehen. Die Kranken (die in der PKV meist nach Vertragsabschluss erst krank geworden sind) könnten dagegen nicht wechseln, weil der neue Anbieter sie gar nicht oder nur mit hohen Zuschlägen nehmen würde.

Der Markt würde sich so in Anbieter mit gesunden und andere mit vielen kranken Kunden teilen. Und für die kranken Kunden würden die Beiträge ins Unbezahlbare steigen, weil sie unter sich wären und keine Gesunden mit ihren Beiträgen für einen Ausgleich sorgten. Das PKV-System würde in seiner heutigen Form instabil, wenn man den Wettbewerb einfach freigäbe. Deswegen wehrt sich die Branche so verbissen gegen alle Versuche, die in diese Richtung gehen.

Ein bisschen Wettbewerb könnte sie wohl verkraften, aber keiner weiß so genau, wie viel. Dabei gibt es freilich Unterschiede: Große Anbieter, die schon lange am Markt sind, mit relativ alten und kranken Kunden sind potenziell gefährdet. Kleinere Anbieter mit jüngerer Kundschaft oder mit guter Kostenstruktur würden zunächst einmal profitieren. Daraus erklärt sich, dass nicht alle Versicherer an einem Strick ziehen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, dem Dilemma zu entrinnen. Variante eins: Am einfachsten wäre es, die Prüfung der Kunden vor Abschluss eines Vertrags abzuschaffen. Die PKV-Unternehmen müssten dann wie die gesetzlichen Kassen jeden nehmen, der kommt, und zwar ohne Zuschlag, egal ob krank oder gesund. Dann könnten auch Kranke von einem teuren zu einem billigen Anbieter wechseln. Die automatische Trennung von Gesunden und Kranken fände nicht mehr statt. Ein Problem könnten so allenfalls noch teure Unternehmen bekommen, aber nicht die Kunden.

Es spräche also eine Menge für diese Variante, und alle Argumente der PKV dagegen sind letztlich nicht überzeugend. Hin und wieder gab es in der Branche auch Überlegungen in diese Richtung. Aber für viele dort ist die „Risikoselektion“, also das Aussortieren kranker Kunden, eine heilige Kuh. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis, weil Versicherer immer und überall Risiken selektieren.

Über Variante zwei wird auch schon seit Jahren diskutiert. Sie würde bedeuten, dass man nicht nur für das jeweilige Alter, sondern auch je nach Krankheitsbild individuelle Rückstellungen bildet. Diese würde man dann dem Kunden bei einem Wechsel mitgeben. Mit dieser Mitgift könnte er bei einem neuen Anbieter trotz Krankheit einen Vertrag ohne erhöhten Beitrag abschließen. Damit das funktioniert, müssten aber Unmengen von Krankheitsbildern nach branchenweit einheitlichem Maßstab finanziell bewertet werden. Ob das in der Praxis funktioniert? Wenn die Branche jedoch Variante zwei nicht bald auf die Reihe bekommt, wird sie irgendwann wohl bei Variante eins landen. Sie kann nicht in alle Ewigkeit vor dem Wettbewerb weglaufen.

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