Poker um Aventis
Paris in Panik

Jetzt dreht die französische Regierung auf: Mit allen Mitteln werde sie eine Übernahme der französisch-deutschen Aventis durch den Schweizer Pharmakonzern Novartis verhindern, droht sie. Man darf annehmen, dass die politische Defensive hinter dieser panikartigen Attacke steckt.

Jetzt dreht die französische Regierung auf: Mit allen Mitteln werde sie eine Übernahme der französisch-deutschen Aventis durch den Schweizer Pharmakonzern Novartis verhindern, droht sie. Frankreich werde die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland nicht tolerieren.

Man darf annehmen, dass die politische Defensive, in der die Regierung Raffarin nicht erst seit der Wahlschlappe vom Wochenende steckt, hinter dieser panikartigen Attacke steckt. Möglich, dass schon nach der zweiten Runde der Regionalwahlen der Ton wieder heruntergefahren wird. Sicher ist das längst nicht.

Auch wenn die Schweiz kein EU-Mitglied ist: Die Anmaßung der Regierung Raffarin, die nicht einmal dem Willen von Aventis entspricht, zielt ins Herz der europäischen Wirtschaftsfreiheit. Ein starker Präsident der EU-Kommission würde einen offenen Brief nach Paris schicken: Geschätzte Kollegen, Europas Stärke ist sein integrierter Wirtschaftsraum. Er schafft eine Flexibilität, die es europäischen Unternehmen erlaubt, auf ihrem Kontinent optimale Standorte zu finden. Wer das durch Rückfall in nationales Denken verhindern will, treibt die Investoren nach Asien oder in die USA, schwächt Europas Volkswirtschaft – und die eigene.

Zugegeben: Nicht allein in der französischen Regierung liegen die Nerven blank. Nach zwei schwachen Jahren steigen die grenzüberschreitenden Direktinvestitionen in 2004 wieder. Damit nehmen auch Arbeitsplatzverlagerungen zu, die zu Ängsten führen: Begonnen hat die Debatte darüber in den USA. Und auch in Deutschland kochen die Emotionen hoch, wenn es um Offshoring geht oder darum, ob die Deutsche Bank in ein paar Jahren noch deutsch sein wird.

Doch die Lektion sollten alle Europäer eigentlich gelernt haben: Nicht der nationale Sprengel, sondern die Gemeinsamkeit und der offene Wettbewerb machen sie stark. Seit ihrer Gründung hat die EU darauf gesetzt, dass unternehmerische Entscheidungen nicht in Ministerien getroffen werden. Unternehmen können sich irren, aber je weniger private Entscheidungen durch staatliche Pressionen beeinflusst werden, umso eher können Fehler vermieden oder korrigiert werden. Raffarin sollte noch einmal den EU-Vertrag lesen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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