Polischer Aschermittwoch
Das Unmögliche denken

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Die Kater-Stimmung der „tollen Tage von Hessen“ werden sich die politischen Matadore am heutigen Aschermittwoch nicht anmerken lassen. Gewohnt grob wird es zugehen in den Bierkellern und Festzelten landauf, landab. Doch die starken Worte an den politischen Stammtischen verdecken nur die Unsicherheit, die das gesamte Parteienspektrum erfasst hat. Soll man mit parlamentarischen Mehrheiten regieren, die sich nur durch Tabubruch erreichen lassen?

Trotz heiliger Schwüre haben die ideologischen Lockerungsübungen bereits begonnen. In der SPD gibt es vor allem im mittleren Funktionärsbereich eine wachsende Zahl von Wackelkandidaten. „Auf Dauer“, so die harmlos klingende Ausrede vieler Genossen, könne man eben keine Partei ausschließen. Die ständige Versuchung einer rot-rot-grünen Mehrheit könnte die Schamfrist am Ende erheblich verkürzen.

Aber auch die Union wird zum Umdenken gezwungen. Wenn es mit der FDP nicht reicht und mit der SPD nicht geht, führt unter Umständen kein Weg an den Grünen vorbei. Da kann es nicht schaden, das sorgsam gepflegte grüne Feindbild vorsichtig zu übermalen und die früh ergraute Protestpartei in das milde Licht behaglicher Bürgerlichkeit zu tauchen.

Der weiteste Sprung über den eigenen Schatten steht jedoch den Liberalen bevor. Verpasst die FDP den richtigen Zeitpunkt, wird aus koalitionärer Standfestigkeit strategische Erstarrung. Es mag schicklich erscheinen, brav der Wunsch-Braut Union zu harren und allen Verlockungen der SPD zu widersteht. Ein Schicksal als alte Jungfer im Austraghäuserl der Opposition mag sich bei der FDP aber auch niemand wünschen. Die Parteien beginnen, das Unmögliche zu denken. Nach der Hamburg-Wahl wird es auch offen ausgesprochen.

Daniel Goffart
Daniel Goffart
Handelsblatt / Ressortleiter

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