Politik der Eskalation
Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)

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Wer hat wen zuerst getäuscht?

Nun liegt es im Wesen einer jeden reflexhaften Abfolge von Anschuldigungen, dass sich schon binnen kürzester Zeit Vorwürfe und Gegenvorwürfe derart verknäult haben, dass man kaum mehr zur Lichtung der Tatsachen zurückfindet.

Wer hat wen zuerst getäuscht?

Begann alles mit dem russischen Einmarsch auf der Krim oder hat der Westen zuvor die Destabilisierung der Ukraine befördert?

Will Russland nach Westen expandieren oder die Nato nach Osten?

Oder sind sich hier womöglich zwei Weltmächte des Nachts an derselben Haustür begegnet, getrieben von sehr ähnlichen Beherrschungsabsichten gegenüber einem wehrlosen Dritten, der den nun entstandenen Schlamassel mit einer Vorform des Bürgerkriegs bezahlt?

Wer sich an dieser Stelle eine Klärung der Schuldfrage erhofft, darf die Lektüre getrost abbrechen. Er wird nichts verpassen. Diese Detektivarbeit ist hier nicht zu leisten. Wir kennen die Anfänge nicht, die Enden liegen ohnehin im Dunkeln, irgendwo dazwischen hocken wir nun. „In der Welt sein, heißt im Unklaren sein“ tröstet uns Peter Sloterdijk.

Hier kann es nur darum gehen, der bisherigen Debatte den Schaum abzuwischen, den Scharfmachern und Scharfgemachten die Worte aus dem Munde zu nehmen und neue Vokabeln auf die Zunge zu legen. Eine zum Beispiel, die wir lange nicht mehr benutzt haben, heißt Realismus.

Europa fehlt mit seiner Politik der Eskalation nämlich genau das, ein realistisches Ziel. Für Amerika sieht das anders aus, weil hier das Drohen und sich Aufplustern Teil des Vorwahlkampfes ist. Wenn Hillary Clinton Putin mit Hitler vergleicht, dann tut sie das um republikanische Stammwähler, also Menschen ohne Auslandsausweis, für sich einzunehmen. Für viele von ihnen ist Hitler der einzige Ausländer, den sie kennen, weshalb Adolf Putin eine gut ausgedachte Wahlkampffigur ist. Insofern haben Clinton und Obama ein realistisches Ziel: sich daheim beliebt machen, Wahlen gewinnen, die demokratische Präsidentschaft sichern.

Diese mildernden Umstände kann Angela Merkel nicht für sich geltend machen. Die Geografie zwingt jeden deutschen Kanzler zu größerer Ernsthaftigkeit. Als Nachbarn der Russen, als Teil der europäischen Schicksalsgemeinschaft, als Empfänger von Energie und Lieferant von diesem und jenem, haben wir Deutschen ein deutlich vitaleres Interesse an Stabilität und Verständigung. Wir können Russland nicht mit den Augen der amerikanischen Tea Party betrachten.

Jeder Fehler beginnt mit einem Denkfehler. Und um einen solchen handelt es sich, wenn man glaubt, dass nur der andere von Wirtschaftsbeziehungen profitiert und also unter ihrem Entzug leidet. Wenn die Wirtschaftsbeziehungen vorher zum beiderseitigen Vorteil unterhalten wurden, produziert ihre Kappung unweigerlich den beiderseitigen Nachteil. Bestrafung und Selbstbestrafung sind die zwei Seiten derselben Medaille.
Auch der Gedanke, durch wirtschaftlichen Druck und politische Isolation werde man Russland in die Knie zwingen, ist keiner, der zu Ende gedacht wurde. Selbst wenn dieses Ansinnen gelänge: Was soll Russland da unten? Wie will man im europäischen Haus zusammen leben mit einem erniedrigten Volk, dessen gewählte Führung man als Paria behandelt und dessen Bürger man womöglich im kommenden Winter den Suppenküchen überstellt.

Natürlich erfordert die entstandene Situation Härte, aber vor allem Härte gegen uns selbst. Die Realitäten sind weder von uns Deutschen gewollt noch herbeigeführt, aber es sind jetzt unsere Realitäten. Was wurde einem Willy Brandt, den das Schicksal als Regierender Bürgermeister West-Berlins in den Schatten einer Mauer gestellt hat, nicht alles als Knebelungs- und Bestrafungsaktionen nahegelegt. Doch er verzichtete auf das Festival der Empörungen. An der Schraube der Vergeltungen hat er nie gedreht.

Willy Brandt hat sich, in deutlich verschärfter Situation, erkennbar anders entschieden als Merkel heute. „Hellwach und zugleich betäubt“, so erinnerte er sich, sei er am Morgen des 13. August des Jahres 1961 aufgewacht. Er befand sich auf Durchreise in Hannover, als ihm aus Berlin von den Arbeiten an der großen, die Stadt zerteilenden Mauer berichtet wird. Es ist Sonntagmorgen und größer kann eine Demütigung für einen Regierenden Bürgermeister kaum sein.

Kommentare zu " Politik der Eskalation: Der Irrweg des Westens (Ложный путь Запада)"

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  • Ich gehe davon aus, dass es nie spät sein sollte, ein Paar rhetorischen Fragen an Autor der spannenden Artikel zu schreiben.
    Die erster Frage wäre: für welches Leserauditorium wurde die russische Übersetzung angedacht?
    Ich bin sicher, alle Leser des Handelsblattes beherrschen Deutsch, viele - Englisch dazu, als übliche Handelssprache auf dem ganzen Welt. Ist das zufälligerweise für „einen erniedrigten Volk -Russen“ gewesen?
    Und gleich kommt die zweite Frage: wo haben Sie und die deutsche Leser“ das erniedrige russische Volk „ gesehen? Am Nizzas Strand oder Miami Beach etwa? Oder in London-City? Auf Bali? Diese Russen wissen, dass Handelsblatt existiert, sprechen Deutsch, Englisch, einige andere Sprachen. Aber, bitte ich um Verzeihung, ist sehr weit davon sich als „ein erniedrigtes Volk „ zu bezeichnen. In Gegenteil - alle Vokabulare, die Sie für „amerikanischen Tea Party “ benutzt haben, sind zutreffend für diesen Russen.
    Ich möchte Sie leider enttäuschen, aber das andere Teil des russischen Volkes hat nie über Handelsblatt gehört und noch lange nicht hören wird. Und westliche Sanktionen haben damit nicht zu tun. Sondern der Machhaber der heute Russland und sein Oligarchen - Klan.
    Die Leser von Handelsblatt, der Autor und das Redaktion können als Ergänzung zum diesen Artikel einfach „Herr „ Zhirinovsky ein paar Minuten zu hören. Viel mehr spannend als die ganze Polemik auf Deutsch, Englisch, Holländisch, Chinesisch usw.
    Als Fazit: Wo wäre es jetzt die Bundesrepublik Deutschland, wenn in Mai 1945 die Rote Armee bis auf Normandie marschiert hätte und Amerikaner, Englanden und Franzuzen nicht gewesen wäre?
    Möchte Jemand bis heute weiter marschieren und es in den Ferienlagern üben mit Kalaschnikow umgehen zu können, womit auf Ferienlager Seliger-See „die erniedrigen russischen Jugendlichen „ sich beschäftigen? Solche Zukunft wurde ich meine und Euren Kinder nicht wünschen.

  • Vielen Dank für diesen einigermaßen ausgewogenen Artikel! Die offenen Anfeindungen ohne jede objektive Analyse, die die Eskalation nur verschlimmern, kann ich nicht mehr lesen. Ich möchte nur auf einen Punkt eingehen: Hillary Clinton betreibt Wahlkampf, in dem sie Putin verunglimpft? Außenpolitik als Innenpolitik, das kennen wir schon. Auch Victoria Nuland sagte schon am Anfang der Ukraine-Krise sehr deutlich, was sie von Europa hält. Müssen wir Europäer uns das gefallen? HABEN WIR KEINE EIGENEN INTERESSEN? Russland liegt auf dem gleichen Kontinent und USA sind weit weg.

  • In Vorab entschuldige ich mich für die nicht Sachlichkeit!

    Um mit der Zeit zu gehen, und den Hype der strategisch wichtigen Sanktionen gegen RUSSIA zu stärken, schlage ich gut überlegt zum nächstem Sanktionspaket folgendes hinzufügen.
    "Die Umbenennung des bekanntesten Dortmunder Fussbalvereins zu BONOTRUSSIA DORTMUND für ein Jahr." Um den Gedankengang zu zeigen, und somit auf Russland weiteren Druck auszuüben, und Russland wie durch andere Sanktionen zu schwächen.

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