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Politischer Irrflug

Kaum ist das traurige Übergewicht namens A380 auf den Titelseiten notgelandet, entdeckt die politische Klasse ein neues Spielfeld: Standortsicherung, Staatsbank, Subventionsrückforderung!

Einmal mehr zeigt sich, dass der französisch-deutsch geführte Airbus-Mutterkonzern EADS kein „normales“ Unternehmen ist.

Das Vorhaben, den Standort Hamburg vor einem womöglich ungerechten Sanierungsplan zu schützen, ist ehrenhaft. Überreaktionen wie die plumpe Androhung einer teilweisen Wiederverstaatlichung aber sollte Berlin tunlichst unterlassen. Seit Jahren kämpfen die deutschen Vertreter in der EADS-Chefetage darum, dass Frankreich und Spanien ihre Staatsbeteiligung aufgeben. Sie tun es aus gutem Grund, weil die politischen Verwicklungen genau die Angst vor Standortverlagerungen schüren, die Deutschland nun wieder spürt.

Der neue Airbus-Chef Christian Streiff kann darauf verweisen, dass die einst politisch ausgekungelte „faire“ Verteilung der A380-Endmontage auf zwei Standorte in Toulouse und Hamburg eine krasse Fehlentscheidung gegen jede wirtschaftliche Vernunft war. Sie hat die Entwicklung eines ohnehin höchst riskanten Riesenprojekts unnötig erschwert, Abstimmungsproblemen Tür und Tor geöffnet und Milliardenschäden zumindest mitverursacht. Als sich in Hamburg schon der Kabelsalat türmte, zeigten die Franzosen mit dem Finger auf Deutschland – und die Deutschen auf die Zentrale in Toulouse.

Diese bisherigen Tabuthemen müssen jetzt auf den Tisch, wenn Airbus seinen Konkurrenten Boeing wieder angreifen und gestärkt aus der Krise hervorgehen will. Hamburg muss deshalb nicht gleich das Ende des Flugzeugbaus an die Wand malen. Der Standort ist überaus wichtig für Airbus und wird mit Blick auf die immer höheren Produktionszahlen der Bestseller-Familie A320 auf Jahre hinaus im Geschäft bleiben.

Der Hersteller wird aber europaweit eine Renovierung seiner Produktionsprozesse benötigen, wenn er bei den Jets der nächsten Generation dem Erzrivalen Boeing ebenbürtig bleiben will. Die zivile Flugzeugbau-Sparte des US-Konzerns hat ihre schwere Krise nach dem 11. September 2001 zu einer grundlegenden Optimierung der Produktion genutzt. Boeing baut inzwischen schneller, flexibler und – das muss sich auch der Standort Hamburg vor Augen führen – deutlich kostengünstiger im Ausland: Sein neuer Hoffnungsträger 787 „Dreamliner“ wird zu etwa einem Drittel in Japan hergestellt. Auf diese Herausforderung muss Airbus eine Antwort finden, zumal der anhaltend schwache Dollar einen Hersteller, dessen Kosten weitgehend in Euro anfallen, massiv benachteiligt.

Für die Bundesregierung indes ist eine andere Frage akut: Wie begegne ich Staaten mit ausgeprägter Industriepolitik, wenn es im Lande seit Jahren nicht einmal eine funktionierende Koordinierung gibt? Der krasse Gegensatz zwischen aktiver französischer Industriepolitik auf der einen und deutscher Passivität auf der anderen Seite hat niemanden in Berlin interessiert, als Airbus in den vergangenen Jahren von einem Auftragsrekord zum nächsten eilte. Jetzt, da der Flugzeugbauer in einer ernsten Krise steckt, werden einzelne Wirtschaftspolitiker aktiv – leider hektisch und mit falschen Rezepten.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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