Politischer Stil
Sie wissen nicht, was sie reden

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Das Beste, was man nach Lage der Dinge noch sagen kann, ist: Sie wissen nicht mehr, was sie reden. Dieses Umnachtungsattest ist jedenfalls das Äußerste, was man dem Politiker Wolfgang Thierse zubilligen möchte: „Seine Frau im Dunkeln in Ludwigshafen sitzenzulassen, wie es Kohl gemacht hat, ist kein Ideal,“ soll er in einem Zeitungsgespräch über das „Spannungsverhältnis zwischen Politik und Familie“ doziert haben. Anlass: der Rücktritt Franz Münteferings. Thierse, der sich für einen Feingeist und Wahrer politischer Kultur hält, findet aus seiner Umnachtung nicht mehr heraus. Er will nun relativieren und rügt, sein böses Wort sei „nicht autorisiert“ und nur „verkürzt“ veröffentlicht worden. Ein Glück. Kaum auszudenken, er hätte den losen Spruch auch noch in extenso begründet.

Größtes Lob aber hat sich Guido Westerwelle, der bekannte Saubermann in der Opposition, verdient. Er lotet Thierses Absturz präzise als „unterirdische Äußerung“ aus: „Wer so persönlich verletzt, verhält sich nicht wie ein würdiger Repräsentant des Deutschen Bundestags.“

Hört, hört! Schade nur, dass der FDP-Chef am Vortag die Chance verpasst hat, seinen Generalsekretär als „unwürdig“ für Bundestag und FDP zu erkennen und vor die Tür zu setzen. Dirk Niebel hat nämlich den infamsten und perfidesten Satz des Jahres 2007 aus sich herausgewürgt: „Der Rücktritt Franz Münteferings ist nach seinem Scheitern politisch konsequent.“ Er unterstellt damit dem Scheidenden die Niedertracht, die tödliche Krankheit seiner Frau nur als öffentlichen Vorwand für den Rückzug nach einem Scheitern verkaufen zu wollen.

Wie tief können sie nur sinken, die Politiker unter sich? So unterirdisch tief, dass sie nicht mehr merken, was sie reden.

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