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Praxis siegt über Theorie

So ist das mit Theorie und Praxis.

Wegen der Mehrwertsteuererhöhung werde sich das Wirtschaftswachstum 2007 spürbar abschwächen, haben Ökonomen landauf, landab monatelang gewarnt. Doch was passiert? Die Produktion hat zu Jahresbeginn deutlich zugelegt. Die Auftragslage der Industrie entwickelt sich recht stabil. Und die Zahl der Arbeitslosen sank im Februar überraschend – binnen zwölf Monaten so stark wie nie seit 1949.

Auch wenn allzu zuversichtliche Vorhersagen genauso mit Vorsicht zu genießen sind wie die Schreckensszenarien vor einem Jahr: Die vorliegenden Daten nähren den Konjunkturoptimismus. Die Steuererhöhung wirkt längst nicht so stark wie mehrheitlich erwartet. Flugs schwenken die Theoretiker um und übertreffen sich gegenseitig mit höchst ambitionierten Prognoseanhebungen. Die noch vor elf Monaten als kühn interpretierte Vorhersage des Münchener Ifo-Instituts, die deutsche Wirtschaft werde 2007 um 1,7 Prozent zulegen, zählt längst zu den pessimistischsten. Nur eine Frage beantworten die Ökonomen nicht: Wo ist der Effekt der drei Prozentpunkte höheren Mehrwertsteuer geblieben?

Die Verbraucherpreise sind in den ersten beiden Monaten je nur um 1,6 Prozent und damit unerwartet wenig gestiegen. Es scheint paradox: Im Einzelhandel purzeln die Preise ausgerechnet zeitgleich mit der Steuererhöhung. Eine Erklärung dafür dürfte sein, dass die Händler diesmal die Lehren aus der Zeit der Euro-Einführung gezogen haben. Damals hatten sie die Preise erhöht – und damit Kunden vergrault sowie die Stimmung in den Keller gejagt. Aus Erfahrung klug geworden, haben zu Jahresbeginn viele Unternehmen Rabatte geboten und die Steuererhöhung, wenn überhaupt, nur geringfügig an ihre Kunden weitergegeben.

Es gibt noch einen zweiten Grund dafür, dass die Inflation niedrig ist und die Konjunktur gut läuft: sinkende Energiepreise, die wie ein Gegengewicht zur höheren Steuer wirken und Kaufkraft stärken. Steigen die Energiepreise wieder, könnte sich das Blatt wenden – und die Wirkung der Steuererhöhung sich zeigen.

Dass die Mehrwertsteuererhöhung offenbar nur tröpfchenweise beim Konsumenten ankommt, hat noch einen weiteren Vorteil: Es streichelt seine Psyche und stärkt seine Einkaufslaune. Allerdings bleibt der Konsum in Deutschland unberechenbar. Die Angaben darüber sind widersprüchlich und wenig verlässlich. So beklagen die Einzelhändler geringere Umsätze zu Jahresbeginn – trotz des Preiskampfs, der geringen Inflation und der unerwartet geringen Vorzieheffekte zum Ende des vergangenen Jahres.

Noch kann man nicht darauf wetten, dass der Konsum dauerhaft die Steuererhöhung einfach wegsteckt. Sicher ist aber, was den Verbrauch stützen würde: eine steigende Zahl der Beschäftigten. Dazu können die Tarifparteien viel beitragen. Sie sollten den Aufschwung nicht als beliebig belastbar ansehen und mithelfen, aus der erfreulichen Entwicklung am Arbeitsmarkt eine nachhaltige Trendwende zu machen. Mit Einmalzahlungen und flexiblen Abschlüssen sollten sie die Arbeitnehmer am tatsächlich Erwirtschafteten teilhaben lassen. Das stärkte die Konjunktur – auch wenn der nächste Tropfen der höheren Verbrauchsteuer spürbar werden sollte.

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