Preissytem der Bahn
Kommentar: Ende der Börsen-Saga

Mehdorn raus? Und dann? Der Top-Manager wird noch gesucht, der seinen Schreibtisch allen Ernstes mit dem Bahnchef tauschen würde. Weil alle wissen, dass dieser Job so undankbar ist wie der des Fußball-Bundestrainers.

Mehdorn raus? Und dann? Der Top-Manager wird noch gesucht, der seinen Schreibtisch allen Ernstes mit dem Bahnchef tauschen würde. Weil alle wissen, dass Mehdorns Job so undankbar ist wie der des Fußball-Bundestrainers. Es sei denn, die Truppe ist Weltmeister – oder wenigstens nahe dran. Die Bahn ist derzeit eher Pannen-Weltmeister. Das Desaster um die Preisreform geht auf Mehdorns Konto. Ein halbes Jahr lang hat die Bahn ganz Deutschland mit Plakaten zukleben lassen und vollmundig angekündigt, dass sie – angeheizt vom modischen Billig-Geschrei – einen Rabatt auf den Rabatt des Rabatts geben kann. Verstanden haben das die wenigsten, und die Kundschaft demonstrierte: laut und öffentlich – wie beim Fußball. In den Köpfen der Verbraucher sitzt fest, dass 2003 zwar die Flugpreise in ungeahnte Tiefen sinken, die Bahntarife aber munter erhöht werden; weil Mehdorn bald Geld verdienen und bis 2005 „kapitalmarktfähig“ sein will. Dabei verdeutlicht eine Fahrt über die vielen Großbaustellen der Bahn, dass diese Börsenphantasien endlich aufs Abstellgleis gehören: Die hohe Verschuldung, viele technische Pannen und Verspätungen sowie neuerdings der nicht minder gefährliche Liebesentzug der Kundschaft lassen potenzielle Investoren erschaudern. Mit Wiedereinführung der beliebten Bahncard wirbt Mehdorn um neues Vertrauen, doch er sollte sich keinen Illusionen hingeben. Das Theater um die Tarifreform hat die Bahn mindestens ein, wenn nicht zwei Jahre zurückgeworfen. Entsprechend lange sollten die Börsenpläne zurückgestellt werden. Um wieder mehr Menschen aus dem PKW-Stau auf die Schiene zu locken, wird Mehdorn fortan Zugeständnisse machen müssen: Der Preis, das zeigt der Ansturm auf Billigfluglinien, ist in wirtschaftlich trüben Zeiten ein entscheidendes Argument. Vor diesem Hintergrund müssen die Bahntarife zumindest im Fernverkehr sinken, um gegen die wachsende Konkurrenz der Billigflieger eine Chance zu haben. Das Ziel, die Bahn AG zehn Jahre nach ihrer Gründung in dauerhaft schwarze Zahlen zu führen, wird Mehdorn in diesem tristen Umfeld ohnehin weiter verschieben müssen. Doch mit attraktiveren Preisen und einer höheren Akzeptanz der Kundschaft wäre immerhin die Basis dafür geschaffen, das Staatsunternehmen mittelfristig an die Börse zu bringen. Im Hurra-Stil geht das nicht.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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