Private Equity
Lebenslügen

Private Equity steht am Pranger, doch meist aus den falschen Gründen. In den USA und Großbritannien sind es vor allem steuerliche Vorteile, die den Kapitalbeteiligungsgesellschaften Kritik eintragen. Dies durchaus zu Recht. Denn es gibt keinen Grund, warum die Manager der Milliardenfonds weniger zahlen sollten als andere Großverdiener.
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Doch das Hauptproblem ist das nicht. In Deutschland und anderswo stehen Private-Equity-Firmen als Jobvernichter in Verdacht, Stichwort „Heuschrecken“. Doch die Statistiken geben nicht her, dass mit privatem Kapital finanzierte Unternehmen mehr Stellen abbauen als Börsenfirmen. Nein, Kritik verdienen die Private-Equity-Häuser dafür, dass sie ihre Kernkompetenzen vernachlässigen und zur Gewinnmaximierung dem Gigantismus huldigen. Die mahnenden Stimmen werden lauter: Erfahrene Manager aus den eigenen Reihen melden sich zu Wort. Und gestern fällte auch die Ratingagentur Moody’s ein harsches Urteil über die Branche. Lobbyisten betonen gerne den volkswirtschaftlichen Nutzen des privaten Beteiligungskapitals. Den gibt es auch: Private Equity kann müde Unternehmen abseits vom Quartalsdenken der Börse auffrischen, vernachlässigte Konzernteile mit Investitionskapital und einer einsatzfreudigen Führung ausstatten oder eine Konsolidierung in einer Branche in Gang bringen. Dafür gibt es Beispiele.

Doch die Märkte bieten nicht mehr genug solcher Gelegenheiten für die Milliardenfonds der Private-Equity-Firmen. Darum greifen diese immer häufiger nach Unternehmen, die an der Börse bestens aufgehoben und ausreichend mit Kapital ausgestattet sind. Historisch günstige Bedingungen auf den Kreditmärkten ermöglichen es, solche Käufe zu finanzieren, diese Firmen mit hohen Schulden zu beladen und ihre Vermögenswerte wie Immobilien zu versilbern. Zurück bleibt ein Unternehmen, das in der nächsten Krise in der Existenz bedroht sein könnte. Bei dem britischen Kaufhauskonzern Debenhams haben Private-Equity-Häuser das durchexerziert, die Supermarktkette Sainsbury hat es mit Hilfe von Familienaktionären erst einmal verhindert. Solche Deals sind von einem Denken getrieben, das kurzfristiger ist als das der Börse.

Zu dem zum Beispiel vom europäischen Branchenverband EVCA behaupteten nachhaltigeren Denken von Private-Equity-Investoren passt diese Tendenz ebenso wenig wie die Mode der Sonderdividenden. Immer häufiger nehmen Beteiligungsfirmen schon kurz nach dem Kauf eines Unternehmens zusätzliche Kredite auf und lassen sich diese als Sonderdividende ausschütten. So können sie ihren Kapitaleinsatz herausholen und das Geld anderswo einsetzen. Das ist zum Beispiel bei Kabel Deutschland, Celanese oder Warner Music geschehen. Von einer jahrelangen Partnerschaft zwischen Investor und Unternehmen kann nicht die Rede sein, wenn sich der Geldgeber bei der ersten Gelegenheit aus dem Risiko herauszieht. Kein Wunder, dass sich Moody’s darüber stellvertretend für die Kreditgläubiger erregt.

Die aktuelle Entwicklung deute nicht darauf hin, dass Private-Equity-Firmen einen längeren Anlagehorizont hätten als Börsenunternehmen, obwohl sie nicht unter dem Druck der Quartalsberichte stünden, moniert Moody’s. Es ist absurd, wenn an der Börse über Nachhaltigkeit und die Abschaffung von Quartalsberichten diskutiert wird, während Private Equity immer kurzatmiger agiert. Eine sehr ungesunde Entwicklung ist auch, dass immer mehr Unternehmen von einem Private- Equity-Haus an das nächste verkauft werden. Auch diese Tendenz ist vom Anlagedruck der großen Fonds getrieben. Wenn der erste Investor die Bilanz auf Effizienz getrimmt hat, kann es eigentlich nicht mehr viel Spielraum für neue Schulden geben. Ein solches „Secondary Buy-out“ ist nur dann sinnvoll, wenn Investor Nummer zwei zum Beispiel eine passende Beteiligung im Portfolio hat und durch eine Fusion der beiden Firmen die Kosten senken kann. Das ist aber allzu oft nicht der Fall.

Hinter vorgehaltener Hand erkennen auch viele Private-Equity- Manager Fehlentwicklungen an. Doch kann man ihnen ihren Opportunismus vorwerfen? Warum sollten sie nicht zugreifen, wenn ihnen Banken riskante Milliardenkredite zu reduzierten Sicherheiten geradezu aufdrängen, wenn sie bereit sind, immer größere Anteile von Übernahmen per Kredit zu finanzieren und sogar noch anbieten, Teile des Eigenkapitals bereitzustellen? Sie mögen damit das Image ihrer Anlageklasse gefährden. Aber vorher haben sie über Managementgebühren und Gewinnbeteiligungen zig Millionen Euro verdient. Die Korrektur wird letztlich von den institutionellen Anlegern ausgehen, die die Private-Equity-Fonds bestücken und auf den Kreditmärkten die Schulden der übernommenen Firmen absorbieren.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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