Private Equity
Zurück zum Kern

Droht eine neue Heuschrecken-Debatte? Hört man auf die wachsende Zahl von Stimmen, die vor den negativen Folgen des Private-Equity-Booms warnen, liegt diese Vermutung nahe.

Doch es gibt einen Unterschied zur ersten, damals in Teilen doppelzüngig geführten Diskussion, die vom ehemaligen SPD-Chef Franz Müntefering angestoßen wurde. Dieses Mal blicken viele Kritiker genauer hin und gehen differenzierter vor. Das ist gut so, denn eine pauschale Verurteilung der Branche nützt niemandem, weder der deutschen Volkswirtschaft noch ihren Akteuren. Weniger gut ist freilich, was dabei zum Vorschein kommt. Es finden sich nämlich deutliche Hinweise, dass sich die Auswüchse bei den „Heuschrecken“ mehren.

Selten zuvor waren die Finanzinvestoren in Deutschland so präsent wie in den zurückliegenden Monaten. Nun mag der eine oder andere alleine schon das massenhafte Auftreten der Fonds als erstes Anzeichen einer verheerenden Krise deuten und dabei ganz dem Bild eines gefräßigen Heuschreckenschwarms folgen. Doch das wäre allzu platt. Erstens ist Private Equity kein neues Phänomen, zweitens ist die Branche trotz des Booms hier zu Lande noch lange nicht so stark vertreten wie etwa in den USA. Auch die wachsende Transaktionsgröße ist kein Alarmzeichen. Zwar werden die Deals immer wertvoller. Die Übernahme etwa der amerikanischen Krankenhausgesellschaft HCA für 33 Milliarden Dollar beeindruckt. Doch große Übernahmen durch Finanzinvestoren gab es schon immer. Bis zum HCA-Deal lag der Verkauf des Nahrungsmittelriesen Nabisco an KKR für 25 Milliarden Dollar an der Spitze. Der Deal wurde – wohlgemerkt – im Jahr 1988 getätigt.

Bedrohlich und ein erster Hinweis auf die erwähnten Auswüchse ist dagegen der massive Mittelzufluss, den die Private-Equity-Firmen seit Monaten erfahren. Die weltweit führenden Private-Equity-Häuser wie Texas Pacific Group, Blackstone oder KKR haben jüngst Fonds über 15 Milliarden Dollar aufgelegt. Die Marktforscher der Londoner Private Equity Intelligence haben errechnet, dass die Branche in diesem Jahr weltweit 300 Milliarden Dollar einsammeln wird. Und die Experten von Goldman Sachs erwarten, dass in Europa zurzeit Private-Equity-Gelder mit einem Volumen von 100 Milliarden Euro angelegt werden wollen.

Das sind Zahlen, die schwindelig machen sollten – die Finanzinvestoren selber, aber vor allem auch die Geld gebenden Banken. Sie sind es, die mit ihren üppigen Krediten mit zu dem Boom beitragen. Und sie sind es auch, die bei einem Platzen einer Blase die Hauptlast zu tragen hätten. Wie niemals zuvor werfen die Institute den Private-Equity-Managern das Geld derzeit nach. Wie sonst ist ihre große Bereitschaft zu erklären, die so genannten Rekapitalisierungen zu unterstützen? Dies ist ein weiteres Indiz für Exzesse in der Branche. Dabei gönnt sich der Investor eine Sonderdividende, finanziert durch neue Kredite, die dem Unternehmen aufgebürdet werden.

Experten sprechen bereits von Private Equity als einer gigantischen Schuldenmaschinerie. Die Berater von Alix Partners erwarten, dass in Europa in den kommenden zwei Jahren Private-Equity-Kredite im Wert von bis zu 30 Milliarden Euro faul werden können. Auch die führenden Ratingagenturen warnen seit einiger Zeit vor den Folgen dieser Rekapitalisierungen. Selbst die Bundesbank, lange Zeit recht schweigsam beim Thema Private Equity, wies vor wenigen Tagen auf das „zunehmend offensive Finanzierungsverhalten“ der Fonds und Banken hin.

Die üppigen Mittel, gepaart mit der begrenzten Zahl an geeigneten Übernahmeobjekten, verführen wiederum einige Finanzinvestoren dazu, ihren eigentlichen Ansatz aus den Augen zu verlieren: schlecht gemanagte Firmen mehrheitlich zu übernehmen, fit zu machen und nach fünf bis sieben Jahren wieder zu veräußern. Stattdessen stoßen sie ihre Engagements immer schneller ab, kaufen Minderheitsbeteiligungen wie im Fall Blackstone/Deutsche Telekom oder versuchen, bei erfolgreichen Dax-Firmen wie Continental einzusteigen.Dass die Finanzinvestoren damit genau das nicht befolgen, was sie ihren Beteiligungen ans Herz legen – die Konzentration auf das Kerngeschäft –, ist ein echter Treppenwitz. Es ist aber auch der wohl wichtigste Hinweis darauf, dass einige in der Branche dringend über ihre Strategie nachdenken sollten.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
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