Private Krankenversicherung
Stiller Kampf

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Seitdem die Politiker die Gesundheitsreform abgesegnet haben, ist es in der Öffentlichkeit still darum geworden. Aber für die betroffenen privaten Krankenversicherer hat damit die Arbeit erst richtig begonnen: Sie müssen das ungeliebte Reformwerk umsetzen. Bis zum Jahresende soll das zumindest in Grundzügen passiert sein.

Dabei wäre es ein Irrtum zu glauben, in dieser Phase gehe es nur um technische Details. Das Ringen um die politische Richtung ist keineswegs vorbei. Denn die Reform ist ein Kompromiss, aus dem sich immer noch zwei verschiedene Entwicklungen ergeben können: hin zu einer Konvergenz von gesetzlicher (GKV) und privater Krankenversicherung (PKV) – oder eben nicht. Die Politiker, vor allem jene links von der Mitte, streben die Konvergenz an. Die PKV möchte dagegen ihre Eigenständigkeit erhalten. Das wird sie allerdings langfristig nur schaffen können, wenn es ihr gelingt, die breite Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass auf sie nicht verzichtet werden kann. Dies ist keine leichte Aufgabe.

Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist der gesetzlich verordnete „Basistarif“, den die PKV 2009 einführen muss. Er ähnelt in seinen Leistungen den Angeboten der gesetzlichen Kassen und darf, wie in der GKV, auch keine Prämienunterschiede nach Gesundheitszustand machen. Das bedeutet: Wenn der Basistarif ein Erfolgsmodell wird, dann stehen die Zeichen auf Konvergenz der Systeme. Wenn er dagegen nur ein Randdasein fristet, bleibt die heutige Arbeitsteilung von GKV und PKV in ihrer Grundstruktur erhalten, auch wenn sich die Abgrenzung im Detail verschiebt.

So ergibt sich die Situation, dass die Branche neue Tarife entwickeln muss, ihre Kunden aber weiterhin lieber in die alten Vertragswerke, die klassische Vollversicherung der PKV, locken möchte. Dabei steht sie vor einem Dilemma: Je stärker sie ihr traditionelles Profil bewahrt, desto mehr wird sie als Branche für Besserverdiener wahrgenommen. Und das beschert keine Sympathiepunkte.

Bei den Ärzten sieht es ähnlich aus: Sie verdienen an den alten Privattarifen besser als am künftigen Basistarif. Das ist schon jetzt klar, auch wenn die Details der Vergütung erst noch ausgehandelt werden müssen. Auch die Ärzte werden niemanden drängen, den neuen Billigtarif zu wählen.

Es spricht also einiges dafür, dass der Basistarif eher die Ausnahme bleibt: Wer mit seinen Leistungen zufrieden ist, kann auch gleich in der GKV bleiben, und niemand wird versuchen, ihn davon abzuhalten. Wer mehr will, wählt den traditionellen PKV-Tarif. Zu größeren Verschiebungen könnte es höchstens bei den Beamten kommen. Diese benötigen die PKV lediglich als Ergänzung zur Beihilfe, die ihr Arbeitgeber direkt zahlt. Sollten Bund und Länder auf die Idee verfallen, die Beihilfe auf das Niveau des künftigen Basistarifs zu drücken, so wäre eine zweifache Reaktion zu erwarten: Besser verdienende Beamte werden die entstehende Lücke durch eine zusätzliche private Versicherung abdecken. Wer finanziell knapp ist, dürfte dagegen in den Basistarif wechseln. Besonders betroffen wäre hiervon die Debeka, der größte Beamtenversicherer der Republik. Die Branche hofft aber, dass der Staat sich vorerst nicht traut, die Beihilfen zu kürzen.

Daher bleibt es möglicherweise weitgehend bei der heutigen Tarifstruktur. Und damit bei der eigenartigen Verklammerung von GKV und PKV, die von Konkurrenz und gegenseitiger Abhängigkeit zugleich gekennzeichnet ist: Die PKV versucht, möglichst viele Gesunde zu versichern und die Kranken der GKV zu überlassen, die keinen Unterschied zwischen Gesunden und Kranken machen darf. Dafür melken die Ärzte die PKV-Kunden besonders intensiv. Im Grunde subventionieren sich die beiden Systeme so indirekt gegenseitig in einer Weise, die bei nüchterner Betrachtung keinerlei Logik folgt.Außerdem ist diese „Arbeitsteilung“ für die Politik eine ständige Versuchung, die PKV noch etwas mehr zugunsten der GKV zu melken. Bis hin zu dem Punkt, sie ganz aufzusaugen. Das wäre dann die „Bürgerversicherung“.

Wenn die PKV auf Dauer überleben will, muss sie daher ihr Profil schärfen. Mit versicherungstechnischen Details ist dabei wenig zu gewinnen, weil diese ohnehin kaum jemand versteht. Und der Streit mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt darüber, zu welchen Konditionen die PKV Leute ohne Versicherungsschutz aufnimmt, ist auch nicht gerade imagefördernd – obwohl es dabei nur um relativ wenige Fälle geht. Die Branche will daher künftig versuchen, im großen Meinungstopf der medizinischen Themen viel stärker als bisher mitzurühren. Ihre Zielrichtung ist, deutlich zu machen: Wir sorgen für mehr Qualität in der Medizin. Wenn sie das Versprechen einlöst, kann sie damit vielleicht punkten.

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