Privater Konsum
Weniger ist mehr

Die Deutschen haben Angst. Sie zittern um ihr Erspartes, sie fürchten Massenentlassungen und sehen ihre eigene Zukunft gefährdet

. All das ist nur allzu verständlich angesichts der Horrornachrichten aus der Wirtschaft, die täglich wie Schüsse aus einem Maschinengewehr einschlagen. In solch unsicheren Zeiten ist es nicht verwunderlich, dass sich die Menschen zurückhalten. Sie verschieben den geplanten Autokauf, verzichten auf das neue Notebook, und statt den Weihnachtsurlaub am Strand in Thailand zu verbringen, wird dieses Jahr zu Hause gefeiert.

In der trüben Stimmung geht allerdings völlig unter, dass die Krise nicht nur eine Bedrohung ist. Sie ist auch die Chance für jeden Einzelnen, über seinen Konsum nachzudenken. Viele werden dann feststellen, dass es sich auszahlt, bewusster einzukaufen: Künftig darf nicht nur der Preis im Vordergrund stehen, wie das in den letzten Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs nur allzu oft der Fall war. Da wurde vermeintlich Günstiges massenhaft eingekauft, ob es gerade gebraucht wurde oder nicht. Hauptsache billig.

In der Wirtschaftsflaute aber ist es das Gebot der Stunde, sich mehr Gedanken über das Konsumverhalten zu machen. Lebensdauer, Betriebskosten und vor allem der Nutzen der Produkte sollten stärker in die Entscheidungen einbezogen werden. So könnten alle am Ende nicht nur viel Geld sparen. Nein, wir werden auch ein besseres Leben führen, obwohl wir weniger ausgeben.

Es gibt viele Gründe, sich ein wenig mehr Gedanken zu machen. Einer der wichtigsten: Die deutschen Keller sind voll, auch auf dem Speicher ist bald kein Platz mehr. Auf den Regalen stapeln sich die Angelausrüstungen, die es billig bei Aldi gab, am Boden stehen unbenutzt die Nordic-Walking-Stöcke, die Lidl neulich im Angebot hatte, und im Schrank vergammelt das Partyset, das vor Halloween noch schnell in den Einkaufswagen geworfen wurde. Es grenzt schon fast an Umweltverschmutzung, was die Discounter Woche für Woche ihren Kunden anbieten.

Meist lohnt es sich aber, genau hinzuschauen. Der Rucksack im Möbelladen mag zwar konkurrenzlos billig sein. Doch bequem ist er in der Regel nicht und nach der ersten Wandertour oft genug schon kaputt. Dasselbe gilt für viele Elektronikprodukte, die mehrere Hundert, ja oft Tausende Euro kosten. Da mögen die Prozente in den Prospekten der Elektronikmärkte noch so verlockend aussehen. Vielfach zahlt es sich aus, am Anfang etwas mehr für die neue Waschmaschine oder den Kühlschrank auszugeben. Dafür fällt die Stromrechnung dann über Jahre hinweg niedriger aus.

Dieselbe Rechnung lässt sich für Fernseher oder Computer aufstellen. Ein Beispiel: Nur wenige Käufer achten bislang auf die Netzteile, wenn sie sich Rechner zulegen. Mit energieeffizienten Halbleitern lässt sich der Wirkungsgrad dieser Geräte, die bislang viel Wärme in die Umgebung abgeben, von derzeit 60 bis 70 Prozent auf 90 Prozent und mehr steigern. Da macht es sich bezahlt, im Laden nachzufragen.

Bewusster einzukaufen bedeutet nicht, die Läden in den Ruin zu treiben. Wer beispielsweise auf den billigen Plastikschrott aus Fernost im Kinderzimmer verzichtet und stattdessen ausgewähltes Qualitätsspielzeug kauft, der tut Händlern und Herstellern hierzulande etwas Gutes.

Die Ladeninhaber freuen sich, weil sie weniger Masse umschlagen müssen und eine höhere Marge pro Artikel erzielen. Die einheimischen Produzenten profitieren, weil gerade hochwertige Waren oft noch aus europäischer Fertigung stammen, mitunter sogar aus deutschen Werken.

Das bekannteste Beispiel für einheimische Produktion ist Playmobil. Das Familienunternehmen fertigt einen großen Teil seiner außergewöhnlich langlebigen Spielewelten in seiner fränkischen Heimat. Der Rest kommt komplett aus europäischen Werken. So bleiben die Jobs in Europa, und die Umwelt wird geschont, weil die Wege zu den Kunden kurz sind.

Zugegeben, Teures ist nicht automatisch gut und langlebig. So mancher Artikel aus der Ramschecke hat sich in der Vergangenheit als erstaunlich haltbar erwiesen. Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren viele Markenartikelanbieter ihre Kunden mit zweifelhafter Qualität vergrault haben. Nicht zu vergessen: Millionen Menschen müssen auf jeden Cent achten und können sich tatsächlich nur das Billigste leisten.

In zwei Wochen ist erster Advent, der Startschuss für die weihnachtliche Einkaufstour. Es ist absehbar, dass die Deutschen weniger für Geschenke ausgeben als vergangenes Jahr. Keine Frage, das schmerzt die Händler. Doch pfiffige Kaufleute werden ihren Kunden die Botschaft vermitteln, dass gerade in Krisenzeiten statt Masse die Klasse zählt.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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