Produktivität
Genauer hinsehen

Sie ist eine der wichtigsten ökonomischen Größen – und zugleich auch eine der kompliziertesten: die Produktivität.Die Frage, wie viel Arbeit und Kapital wir benötigen, um eine Einheit Bruttoinlandsprodukt zu erzielen, ist langfristig entscheidend für unseren Lebensstandard und Wohlstand.
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Wenn eine Volkswirtschaft mit dem gleichen Input dauerhaft mehr Güter und Dienstleistungen herstellen kann, können die Löhne der Arbeitnehmer und die Gewinne der Unternehmen steigen, ohne dass ein Inflationsdruck entsteht. Nun ist in Deutschland die Arbeitsproduktivität im ersten Quartal dieses Jahres drastisch gesunken: laut Bundesbank im Vergleich zum Vorquartal um 0,8 Prozent. Das Minus war so groß wie noch nie seit 1991. Diese Entwicklung überrascht, zumindest auf den ersten Blick. Normalerweise nimmt das Wachstum der Produktivität im Aufschwung eher zu als ab. Einige Beobachter werten den Einbruch der Produktivität gar als Beleg dafür, dass der Boom nicht nachhaltig ist. Doch diese Sorgen sind überzogen. Denn so zentral die Produktivität für die langfristigen Wachstumsperspektiven auch ist, so wenig sagt ein einzelner Quartalswert über die Richtung der Entwicklung der Produktivität aus. Und erst recht nicht über die konjunkturellen Perspektiven. Schließlich ist kaum eine andere ökonomische Größe derart anfällig für zyklische Verzerrungen und für statistische Schätzfehler – wie die Produktivität. Für das vermeintliche „Produktivitätsrätsel“ gibt es denn auch eine nahe liegende Erklärung: Bis Ende 2006 trauten viele Unternehmen dem Aufschwung nicht über den Weg. Und sie versuchten, mit ihrer bestehenden Belegschaft den Auftragsboom zu bewältigen. Bis zum Jahresende schoss die Produktivität auf ein Rekordniveau nach oben und war um drei Prozent höher als ein Jahr zuvor.

Auf Dauer konnten die Unternehmen dies nicht durchhalten. Als die Konjunktur auch im neuen Jahr gut lief, kamen die Firmen nicht mehr um Neueinstellungen herum. Weil neues Personal erst einmal eingearbeitet werde muss und weil die Produktionsmenge ohnehin nicht proportional mit der Beschäftigung steigt, gab es im ersten Quartal den wahrscheinlich vorübergehenden Einbruch. Insgesamt gilt: In einzelne, auf vorläufigen Berechnungen basierende Datenpunkte sollte man im Zusammenhang mit der Produktivitätsentwicklung nicht zu viel hineininterpretieren. Das ist ungefähr genauso Erfolg versprechend wie der Versuch, ein Bild von Picasso ausschließlich mit einer Lupe analysieren zu wollen.

Wenn man das ganze Bild betrachtet, dann ist die Sache wesentlich komplexer. Einerseits hat sich das Produktivitätswachstum in der deutschen Wirtschaft seit Mitte der 90er-Jahre tendenziell deutlich verlangsamt, während es sich in den Vereinigten Staaten nachhaltig beschleunigt hat. Andererseits sieht es mit Blick auf die vergangenen ein bis zwei Jahre gar nicht so schlecht aus für die deutsche Produktivität. Nachdem es 2004 nur ein müdes Plus von 0,7 Prozent gab, lag der Anstieg 2005 bei 1,3 und 2006 gar bei 2,0 Prozent. Dies zeigen gemeinsame Berechnungen des US-Instituts Conference Board und des Groningen Growth and Development Centers. Im letzten Jahr war das Plus damit sogar deutlich größer als das in den USA und lag deutlich über dem langjährigen Durchschnitt.

Die entscheidende Frage in Sachen Produktivität ist heute also nicht, warum es im ersten Quartal einen Rückschlag gab. Viel wichtiger wäre es zu wissen: Handelt es sich bei der insgesamt positiven Entwicklung der vergangenen beiden Jahre um ein Strohfeuer, das auf zyklische Faktoren zurückzuführen ist? Oder erleben wir gerade den Beginn einer Trendwende hin zu einem langfristig höheren Produktivitätswachstum? Eine seriöse Antwort auf diese Frage wird man erst in einigen Jahren geben können. Denn erst rückblickend kann man den eigentlichen Trend vom statistischen Rauschen trennen. Aus heutiger Sicht spricht aber einiges dafür, dass vor allem kurzfristige konjunkturelle Faktoren das Wachstum der Produktivität beflügelt haben. Ökonomische Studien enthalten zumindest wenig Anzeichen dafür, dass sich fundamental etwas zum Besseren gewendet hat. So haben Forscher festgestellt: Der Produktivitätsimpuls, den Investitionen in Informations- und Kommunikationstechnologien in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre gebracht haben, ist sowohl in den USA als auch in Deutschland inzwischen weitgehend abgeflaut. In den USA wurde dies durch ein höheres Produktivitätswachstum außerhalb der IT-Branche und stärkere Anstiege bei der so genannten „totalen Faktorproduktivität“ kompensiert. Und eine solche Entwicklung lässt in Deutschland bislang auf sich warten.

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