Putin und die Reformen
Russlands Reifeprüfung

Putins Russland: ein stabiler, fast schon normaler Auslandsmarkt? Ein schöner Traum, aber leider noch nicht wahr. Offiziell sehen der Bundeskanzler und die deutsche Wirtschaft keinen Anlass, Russlands Rechtsstaatlichkeit in Zweifel zu ziehen. Doch hinter den Kulissen wuchern die Sorgen. Der Kampf um den Ölkonzern Yukos und die Bankenkrise könnten das Vertrauen in den Reformer Putin beschädigen.

Klar, Russland ist nicht so anfällig wie im Sommer 1998, als eine Finanzkrise das Land umwarf. Doch das undurchsichtige Gezerre um das Schicksal von Yukos zeigt, dass Russland noch immer ein Land der unbegrenzten Unannehmlichkeiten ist. Auch wenn das Potenzial für Firmen bis tief in den Mittelstand hinein groß ist, sollte niemand der Verlockung nachgeben, nur deshalb rasch aufzuspringen, weil sonst der Zug abgefahren ist.

Denn bislang kann niemand sagen, wie schnell der Zug ins Reich der Normalität fährt und ob er nicht doch noch abbiegt.

Makroökonomisch glänzt das Land: Der hohe Ölpreis hat den Staat saniert, macht die Energiewirtschaft kreditwürdig und schiebt das Wachstum an. Dennoch hat die Kapitalflucht wieder eingesetzt. Gefahr droht dem Reformkurs aus der Administration und der Politik. Hier liegt auch die Chance der aktuellen Krise. Der Umgang mit Yukos und dem Bankenmarkt wird eine Antwort auf die Frage geben, wo Russland steht und wohin Putin es führt.

Bei Yukos geht es um das Vertrauen ausländischer Investoren. Um breite Wirtschaftsbeziehungen zu ermöglichen, muss der Kreml beweisen, dass er die Justiz nicht als Instrument gegen einzelne Unternehmer missbraucht, um eigene politische Interessen durchzusetzen.

Bei der Bankenkrise geht es um das Vertrauen der eigenen Bevölkerung. Zu Recht hatte die Bankenaufsicht die Zügel angezogen und einige wacklige Institute geschlossen. Doch die schon mehrfach enteigneten Sparer reagieren höchst nervös. Jetzt müssen Aufsicht und Zentralbank zeigen, dass sie institutionell gefestigt genug sind, um eine solche Krise zu beherrschen.

Putin steht vor dem Reifetest. Er kann jetzt beweisen, dass er Russland mit transparentem und rechtsstaatlichem Vorgehen auf den Weg nach Europa führt. Oder eben nicht.

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