Ratinagenturen
Rauchmelder

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Zu langsam, zu inkompetent: Diese Kritik müssen sich die Ratingagenturen in jeder Krise anhören. Und sie ist zum Teil auch berechtigt. Mit schöner Regelmäßigkeit werden Papiere oder Unternehmen erst dann heruntergestuft, wenn jeder schon mitbekommen hat, dass es Probleme gibt. Wozu dann überhaupt Ratingagenturen?

Ein Beispiel bot der Fall SachsenLB. Ihren Ableger SachsenLB Europe, der im Auge des Sturms steht, hat die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P), erst kurz bevor das Mutterinstitut per Übernahme vor der Pleite gerettet werden musste, auf die Beobachtungsliste gesetzt. Diese Sachsen-Tochter hat die Note „AAA“, also „Eins plus“ auf Schulverhältnisse übertragen. Das Beispiel zeigt aber auch, dass die Probleme tiefer liegen, als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Denn S&P blieb so lange bei der alten Note, um die Refinanzierung der SachsenLB Europe nicht zu gefährden. Und daran wird das Dilemma der Ratingagenturen deutlich. Auf der einen Seite haben sie sicher ein Interesse, Investoren möglichst früh vor Problemen zu warnen, schon um ihren eigenen Ruf zu wahren. Auf der anderen Seite können sie aber gerade in einer Krisensituation mit einer deutlichen Warnung oder Herabstufung auch eine Schieflage, die gerade noch vermeidbar gewesen wäre, erst auslösen. Und damit schaden sie nicht nur dem Kunden, für den sie das Rating erstellen, sondern letztlich auch den Investoren. Deshalb droht den Agenturen, wenn sie zu früh warnen, auch harsche Kritik. Da gilt ihr Urteil dann schnell als überzogen und unverantwortlich.

Dieses Problem wird durch zwei Faktoren verschärft. Erstens gibt es nur wenige Ratingagenturen, deren Stimme weltweit zählt. Wirklich bekannt sind S&P und Moody’s, dazu in Europa Fitch und speziell für den Versicherungsbereich A.M. Best in den USA. Mit einem deutlichen Abstand kommt dann ein Haus wie Dominion, das kanadische Wurzeln hat. Danach wird es dünn. Wenn eine der ganz bekannten Agenturen ihre Meinung ändert, hat das also durchschlagende Wirkung.

Der zweite Grund: Manche Investoren, etwa bestimmte Fonds, dürfen nur Papiere mit bestimmten Ratings behalten. Bei einer Herabstufung kommen diese Papiere daher unter Umständen massenweise auf den Markt und verlieren an Wert. Fazit: Ratingagenturen ziehen sich zwar gerne darauf zurück, dass sie nur Urteile abgeben und keine Entscheidungen fällen würden. Aber de facto ist ihr Einfluss auf die Märkte inzwischen so groß, dass dies in manchen Situationen ihren Bewegungsspielraum einengt.

Zusätzlich spielt sicher ein häufig genannter Interessenkonflikt eine Rolle: Die Agenturen werden von den Unternehmen bezahlt, die sie bewerten oder deren Produkte sie benoten. Außerdem kommt in der heutigen Situation noch ein fatales Missverständnis zum Tragen: Die Note sagt nur etwas über die Wahrscheinlichkeit aus, dass es zu einem Zahlungsausfall kommt, nicht aber darüber, ob ein Wertpapier verkäuflich ist. Normalerweise hängt beides zusammen: Papiere, die als sicher gelten, finden Käufer. Im Moment sind die Investoren aber so in Panik, dass ganze Kategorien von Wertpapieren keinen Markt mehr finden.

Wenn heute auch von Politikern eine größere Transparenz der Ratingagenturen gefordert wird, dann ist dies sicher berechtigt. Aber das Kernproblem, dass die Agenturen selbst die Märkte bewegen, lässt sich damit nicht beheben. Letztlich führt daher für professionelle Investoren kein Weg daran vorbei, sich zusätzlich zu den öffentlichen Ratings eigenes Know-how zu verschaffen. Sie müssen Experten anstellen, ähnlich den „Buy-Side-Analysten“ bei manchen Aktienfonds. Oder sie sollten unabhängige Analysehäuser beauftragen, die, ohne an die Öffentlichkeit zu gehen, rechtzeitig Klartext reden können. Damit lassen sich die Ratingagenturen nicht ersetzen. Ohne sie wären die Märkte noch viel intransparenter. Aber ihr Urteil allein ist zu wenig

Für diese „Buy-Side-Analysten“ im Kreditbereich gibt es ein altes Vorbild: In einer traditionellen Bank, die ihre Darlehen in den eigenen Büchern behält, haben die Kreditsachbearbeiter einen verantwortungsvollen und verschwiegenen Job.

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