Rechnungslegung
Deutschland verliert an Einfluss auf die Bilanzierung

Kleinlicher Streit verhindert eine wirksame Interessen deutscher Interessen in den internationalen Gremien.
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Deutsche Unternehmen beklagen sich häufig, dass sie zu wenig Einfluss auf die angelsächsisch geprägte Bilanzierungspraxis haben, die auch bei uns an Einfluss gewinnt. Jetzt drohen sie auch noch ihre wichtigste Stimme bei diesem Thema zu verlieren – das Deutsche Rechnungslegungs Standards Commitee (DRSC). Diese Organisation vertritt die nationalen Interessen gegenüber dem umstrittenen International Accounting Standards Board (IASB) in London, das die internationalen Bilanzierungsregeln erarbeitet und dabei auf deutsche Wünsche einer eher vorsichtigen und möglichst klar nachvollziehbaren Bilanzierung mitunter zu wenig Rücksicht nimmt.

Weil es Finanzierungsprobleme und Streit über Zuständigkeiten gibt, hat das DRSC per Ende des Jahres seinen Standardisierungsvertrag mit dem Bundesjustizministerium gekündigt – und sich damit praktisch selbst abgeschafft.

Fragen der Bilanzierung betreffen vordergründig nur Experten, haben tatsächlich aber Einfluss darauf, wie sich die Ertragslage der Unternehmen darstellt. Und das DRSC ist zwar in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, wird aber von namhaften Wirtschaftsprüfern, Hochschullehrern und Finanzvorständen getragen. Die Regierung sollte ebenso wie die Unternehmen selbst ein Interesse haben, diese Institution zu erhalten.

Theoretisch stehen dem Justizministerium drei Alternativen offen: der Verzicht auf einen nationalen „Standardsetzer“ wie das DRSC, die Gründung eines beim Ministerium angesiedelten Beirats, der dessen Aufgaben übernimmt, oder der Erhalt des DRSC.

Klar ist: In der Praxis ist die dritte Variante die beste. Zwar könnten Unternehmen, Wirtschaftsprüfer und deren Interessenvertretungen auch direkt mit dem IASB verhandeln und eigene Stellungnahmen abgeben – das tun sie zum Teil schon jetzt. Für den Erhalt eines zentralen, privatwirtschaftlichen Gremiums sprechen dennoch viele Gründe.

Einmal spielt die Unabhängigkeit eine wichtige Rolle: Andere Organisationen wie etwa Verbände hätten es schwer, vom IASB als Ansprechpartner auf Augenhöhe akzeptiert und nicht als Lobbyisten angesehen zu werden. Einzelne Interessenvertreter erreichen meist nur wenig in London. Der zweite Punkt: Ein nationaler Standardsetzer wie das DRSC schaltet sich früh in den Entstehungsprozess neuer Bilanzvorschriften ein – lange vor den meisten Unternehmen und Wirtschaftsprüfern. Und drittens: Eine übergeordnete Organisation schaut nicht nur auf einzelne Branchen und sieht daher mehr die übergeordneten Themen.

Das alles spricht für eine Fortsetzung der bisherigen Praxis. Eine staatliche Lösung in Form eines Beirats wäre zwar besser als nichts, aber suboptimal: Der bisher politische Einfluss auf die Rechnungslegung stiege damit an. Auch das Argument, statt in einen deutschen lieber gleich in einen europäischen Standardsetzer zu investieren, ist schnell entkräftet. Eine Konsensbildung ist schon auf nationaler Ebene schwer, auf europäischer Ebene scheint sie fast unmöglich.

Will das Ministerium also einen deutschen Standardsetzer erhalten, stellt sich nach wie vor die Frage der Finanzierung. Bisher wurde sie von einigen Großunternehmen getragen, die offenbar allein dazu nicht mehr bereit sind. Es handelt sich freilich nur um drei Millionen Euro jährlich – angesichts der Bedeutung des Themas ein Klacks. Offenbar geht es ums Prinzip: Weil fast alle Unternehmen profitieren und das DRSC auch als Berater des Justiziministeriums eine wichtige Rolle spielt, wollen die bisherigen Zahler die Last nicht mehr allein tragen. Es sollte aber möglich sein, mit einem wenigstens symbolischen Beitrag des Ministeriums, den Streit zu beenden – das Thema ist einfach zu wichtig. Streiterei hemmt eine wirkungsvolle

Interessenvertretung. Die Autorin ist Redakteurin.

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