Rede von Fed-Chef Ben Bernanke
Kommentar: Brutale Offenheit

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Mit geradezu brutaler Offenheit hat US-Notenbankchef Ben Bernanke in seiner Rede in Jackson Hole die angespannte Lage auf den Finanzmärkten beschrieben. Nach Meinung des Fed-Chairman ist die Kreditkrise keineswegs überstanden. Vielmehr bestehe die reale Gefahr, dass die dramatischen Korrekturen auf dem Hypothekenmarkt auch die US-Wirtschaft mit in den Abgrund reißen. Die Fed stehe deshalb bereit, weitere Liquidität in den Markt zu pumpen, um Schlimmeres zu verhindern.

Zwar hat Bernanke nicht ausdrücklich eine Senkung der Leitzinsen in den USA angekündigt. An der Wall Street sieht man jedoch die Rede des Notenbankers als klaren Hinweis für eine Lockerung der Geldpolitik bei der nächsten Fed-Sitzung am 18. September. An den Terminmärkten für Zinskontrakte ist die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung auf rund 80 Prozent gestiegen.

Die offenen Worte von Bernanke waren notwendig. Nachdem die US-Notenbank lange Zeit die Subprime-Krise auf die leichte Schulter genommen hat, war es wichtig, dass Bernanke & Co. jetzt das Ausmaß und den Ernst der Krise voll erfasst haben. Noch wichtiger ist es jedoch, dass die Notenbanken nicht überstürzt reagieren und statt der Konjunktur jenen Investoren zur Hilfe eilen, die jetzt die Zeche für ihre riskanten Spekulationen bezahlen müssen.

Bernanke hat deshalb zu Recht betont, dass es nicht die Aufgabe der Fed ist, schlechte Investitionsentscheidungen wieder gerade zu rücken. Das gleichzeitig von US-Präsident George W. Bush verkündete Hilfsprogramm für die „Opfer“ der Subprime-Krise öffnet dagegen nicht nur dem Missbrauch (moral hazard) Tür und Tor. Es hinterlässt auch einen bitteren Beigeschmack von staatlichem Interventionismus.

Glaubt man den jüngsten Konjunkturdaten, steht die US-Wirtschaft noch nicht am Rande einer Rezession. Dass kann sich jedoch ändern, wenn die die US-Verbraucher nach den Korrekturen auf dem Immobilienmarkt ihren Konsum zurückfahren müssen. Spätestens dann sind auch Leitzinssenkungen angebracht. Noch ist es jedoch nicht soweit.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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