Regulierende Eingriffe
Fluch der Komplexität

Wenn guter Wille böse Folgen hat: Staatliche Eingriffe scheitern wie bei Hartz IV zunehmend an unkalkulierbaren Wirkungen. Das verlangt vom Gesetzgeber die Bereitschaft, sich in die Betroffenen mehr hineinzudenken. Ein Essay.

Der Beobachter politischer Reformbemühungen fühlt sich manchmal an Darstellungen von Laokoon erinnert, der vergeblich versucht, sich aus den ihn fesselnden Umschlingungen zu befreien. Lockert er dabei eine Hand, so bindet er das Bein nur umso fester. Am Beispiel der Föderalismusreform ließe sich illustrieren, wie frühere (verfassungs)rechtliche Setzungen den heutigen Handlungsspielraum beschneiden, und an der Arbeitsmarktreform Hartz IV wie ein Gesetz, das Einsparungen bringen sollte, plötzlich unerwartete Kosten verursacht.

Auch wenn das zunächst nicht einleuchten mag: Die rechtlichen Einschränkungen und die unerwarteten Wirkungen politischer Intervention haben eine gemeinsame Wurzel; sie liegt in der Komplexität unseres Gemeinwesens. Schon vor über 30 Jahren schrieb der renommierte amerikanische Politikwissenschaftler John Ruggie, dass der Hinweis auf Komplexität verbreitet dazu diene, das Scheitern sozial- und wirtschaftspolitischer Eingriffe zu erklären und zugleich zu entschuldigen. Leider, so fährt er fort, folgt dem Verweis auf "Komplexität" selten das Bemühen, sich näher mit diesem Problem zu beschäftigen.

Komplexität ist ein Merkmal vor allem ökologischer, biologischer und sozialer Systeme. Die Komplexität eines Systems wächst mit der Zahl seiner Elemente, mit deren Verschiedenartigkeit und mit der Zahl verschiedener Beziehungen zwischen ihnen. Komplexe dynamische Systeme produzieren Effekte, die sich nicht nach dem Muster einfacher Kausalbeziehungen (wenn A, dann B) erklären lassen. Die Wirkung einer gegebenen Ursache hängt in ihnen immer von Zusatzbedingungen ab und kann durch verschiedene Faktorenkonstellationen erzeugt werden (Multikausalität). Komplexe dynamische Systeme reagieren höchst empfindlich auf die Veränderung einiger Randbedingungen, während sie für die Veränderung von anderen über längere Strecken unempfindlich sind.

Das hängt auch damit zusammen, dass sich die Wirkung einer Ursache nach Erreichen eines bestimmten Schwellenwerts ändern kann. So kann eine Intervention erst ab einem bestimmten Punkt Wirkung zeigen. Typisch für komplexe dynamische Systeme ist schließlich, dass nicht evident ist, was passiert, wenn man an einer bestimmten Schraube dreht, und an welcher man drehen muss, um eine bestimmte Wirkung zu erzielen.

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