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Reichtum auf Pump: Amerikas Traum und Wirklichkeit

Amerika tritt auf der Stelle. Aus der Vogelperspektive der meisten Politiker und Ökonomen kann man das allerdings kaum erkennen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird der Aufstieg auf der sozialen Leiter für immer mehr Bürger zu einem unerreichbaren Wunschbild.

Torsten Riecke, Handelsblatt-Korrespondent in den USA. Quelle: Handelsblatt
Torsten Riecke, Handelsblatt-Korrespondent in den USA. Quelle: Handelsblatt

Amerika tritt auf der Stelle. Aus der Vogelperspektive der meisten Politiker und Ökonomen kann man das allerdings kaum erkennen. Von oben sieht man nur die glänzenden Konjunkturdaten: Die Wirtschaft wächst im rasanten Tempo von fünf Prozent, Inflation und Arbeitslosigkeit sind niedrig. Der Immobilienmarkt boomt. Die Leute kaufen, was das Zeug hält: Großbildfernseher, Designerkleidung, Fernreisen. In den goldenen 90er-Jahren waren die Zeiten kaum besser.

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Unter dem Mikroskop betrachtet, sieht die Sache aber weit weniger dynamisch aus. Man findet viele Amerikaner, die über hohe College-Gebühren klagen und Mühe haben, die steigenden Gesundheitskosten zu zahlen. In der unteren Mittelschicht entdeckt man auch Globalisierungsängste: Ins Land kommen immer mehr Billiglohnarbeiter aus Mexiko, aus dem Land wandern immer mehr Jobs nach China. Das sind die Befürchtungen vieler US-Bürger, die von populistischen Medien und Politikern noch angestachelt werden.

Die unterschiedlichen Blickwinkel erklären auch, warum fast zwei Drittel der Amerikaner Präsident Bush schlechte Noten für seine Wirtschaftspolitik geben, trotz glänzender Daten. Amerika geht es gut. Aber viele spüren das offensichtlich nicht. Der Grund: Die Gewinne des Aufschwungs und der Globalisierung werden sehr ungleich verteilt.

So profitieren die oberen Einkommensbezieher am stärksten von den massiven Steuersenkungen und den hohen Aktienkursen. Zu den Gewinnern gehören auch die hoch qualifizierten Manager und Ingenieure, denen der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft zugute kommt. Nach Berechnungen von Robert Gordon, Wirtschaftsprofessor an der Northwestern University, ernten vor allem diese "Superstars" die Früchte des Booms.

Die Bandarbeiter bei General Motors und die Stewardessen bei den großen US-Airlines lesen die guten Konjunkturdaten zwar im Wirtschaftsteil ihrer Zeitung, auf dem Gehaltszettel sehen sie davon jedoch kaum etwas. Nach einer Untersuchung der beiden Ökonomen Richard Freeman und William Rodgers von der New Yorker Notenbank Federal Reserve konnten die Gehälter der Durchschnittsamerikaner kaum mit den Preissteigerungen der letzten Jahre mithalten. Dass viele dennoch wie im Rausch konsumieren können, liegt an den günstigen Krediten. Entsprechend hoch ist die Verschuldung der Privathaushalte. Reichtum auf Pump also. Der Abstand zu den wirklich Reichen, die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung werden von Tag zu Tag größer. Zwar gab es nach dem Zweiten Weltkrieg in Amerika eine längere Periode der sozialen Nivellierung, die zum Aufstieg der Mittelklasse führte. Seit Ende der 70er-Jahre öffnet sich die Einkommensschere aber wieder.

Das Haushaltsbüro des Kongresses hat ermittelt, dass das reale Haushaltseinkommen der Top-Verdiener zwischen 1979 und 2001 um 139 Prozent stieg. Bei den Haushalten mit mittlerem Einkommen betrug das Plus im gleichen Zeitraum nur 17 Prozent, und am Ende der Einkommenspyramide gab es nur noch einen Zuwachs von neun Prozent. US-Topmanager verdienten 1980 etwa 42-mal so viel wie ein durchschnittlicher Arbeiter. Zwanzig Jahre später hatte sich der Abstand bereits auf mehr als das 500fache vergrößert.

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