Rekord-Dividenden
Kommentar: Gefährliche Spendierlaune

Wer dachte, Dividenden verlieren in Zeiten des Aufschwungs an Bedeutung, hat sich getäuscht. Auch im Investitions- und Fusionsboomjahr 2006 bleiben hohe Ausschüttungen gefragt.

DÜSSELDORF. Das Börsenentwicklungsland Deutschland wird damit endlich flügge: Die Konzerne lernen, dass Dividenden keine Verlegenheitslösung und Almosen sind, sondern fester Bestandteil solider Unternehmenspolitik und funktionierender Finanzmärkte. Reflexartig strichen die Firmen dabei Anfang des Jahrtausends ihre Dividende zusammen, als die Gewinne in Folge der geplatzten Technologieblase und einer schwächeren Weltkonjunktur einbrachen. Jetzt, wo die Konzerne vor ihrem dritten Rekordgewinnjahr in Folge stehen, zeigen sie sich so spendabel wie nie. Sie folgen einem simplen Schema: Wer mehr Geld in der Kasse hat, kann auch mehr ausschütten.

Doch weitsichtiger wäre es, in guten Zeiten finanziell mehr als bisher vorzusorgen. In Deutschland schauen immer noch zu wenig Unternehmen über das nächste Jahr hinaus. Denn dass Deutsche Telekom und RWE heute fast ihren kompletten Nettogewinn an die Aktionäre weitergeben, ist fahrlässig. Es zwingt sie dazu, in magereren Jahren, die Dividenden wieder zu kürzen oder ganz zu streichen. Mit solch einem Auf und Ab hat der Finanzplatz Deutschland in der Vergangenheit immer wieder viele Spekulanten angezogen, die nur auf den schnellen Euro aus sind. An keiner anderen etablierten Börse gewinnen Kurse so schnell und so viel an Wert wie in Deutschland. Doch nirgendwo anders als in Frankfurt kommt es auch zu solch dramatischen Kursstürzen, wenn die Zeichen auf Baisse stehen.

Eine wesentliche Ursache dafür ist die mangelnde Kontinuität bei den Dividendenzahlungen. Sie sind neben so wichtigen Kriterien wie Gewinn- und Umsatzwachstum, Verschuldung, Wettbewerb und Zukunftschancen ein ganz wichtiger Mosaikstein, um Großinvestoren dauerhaft zu binden. Amerikanische Traditionsfirmen wie Philip Morris (heute Altria) und Exxon Mobil haben das seit langem erkannt. Der Tabak- und Nahrungsmittelkonzern schüttet seit fast 80, der Ölkonzern seit 125 Jahren ununterbrochen Dividenden aus. Also auch während des Zweiten Weltkrieges und in den Wirren des Absturzes der Wall Street in der Weltwirtschaftskrise Anfang der 30er Jahre. Solch verlässlichen und hohen Ausschüttungen haben längst die gleiche Bedeutung gewonnen wie solide Staatsanleihen mit ihren regelmäßig fließenden Zinsen. Pensionsfonds und Versicherungen kalkulieren diese festen Größen gern in ihre Jahrzente lang vorausschauenden Kalkulationen ein.

Verlässliche Dividenden sind darüber hinaus auch ein wichtiges Finanzmarktinstrument, um sich gegenüber Wettbewerbern zu behaupten. Denn langfristig steigen Aktienkurse von „Dividendenkönigen“ stärker als die ihrer knausrigen Konkurrenz. Ein hoher Börsenwert ist aber immer noch das beste Mittel, um im ständigen Kampf um Marktanteile und Übernahmen ganz vorne mitzumischen. Erst wenn Unternehmen hier zu Lande mit ihrer Aktionärspolitik so weit sind wie in den USA, wird der Finanzplatz Deutschland wirklich erwachsen sein.

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