Rentenentwicklung
Von der Leyen rechnet mit falschen Zahlen

Den Rentnern der Zukunft droht ein Leben auf Armutsniveau. Zumindest, wenn man den Rechnungen der Bundesarbeitsministerin glaubt. Doch diese hat bei ihrer Berechnung einige Faktoren vergessen.
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Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hat mit ihren Zahlen zur künftigen Entwicklung der Renten einen regelrechten Schock ausgelöst. Wer 2030 nach 35 Beitragsjahren in Rente geht und 2 500 Euro brutto verdient hat, erhält danach nur noch eine Rente von 688 Euro. Das entspricht in etwa der Höhe der heutigen Grundsicherung. Zurzeit sind es noch 816 Euro. Schuld sei die mit der Rentenreform von 2001 eingeleitete Senkung des Rentenniveaus von 51 auf 43 Prozent bis 2030.

Stimmten die Zahlen, wäre das wirklich eine Katastrophe. Es hieße, dass ein Drittel der Rentner zum Sozialamt laufen müsste. Doch so schlimm wird es nicht kommen. Denn die vom Arbeitsministerium prognostizierte Kürzung der Renten würde nur eintreten, wenn ab heute die Löhne nicht mehr steigen würden und auf diese Weise der aktuelle Rentenwert konstant bliebe. Der ergibt nach der Rentenformel multipliziert mit den persönlichen Entgeltpunkten den Rentenanspruch. Für ein Jahr mit Durchschnittsverdienst gibt es dabei einen Entgeltpunkt, für höhere bzw. niedrigere Einkünfte entsprechend größere bzw. kleinere Gutschriften auf dem Rentenkonto. Nur bei stagnierenden Löhnen müsste der aktuelle Rentenwert - und mit ihm auch der Rentenanspruch - im Umfang der beschlossenen Senkung des Rentenniveaus gekürzt werden.

Es gibt aber einen vor wenigen Jahren verschärften Paragrafen, der eine solche Rentenkürzung verbietet. Ein Absinken der Rente, wie die Ministerin suggeriert, ist also gesetzlich ausgeschlossen. Viel wahrscheinlicher als von der Leyens Modellrechnung ist sowieso, dass die Löhne in Zukunft weiter steigen werden, und zwar wegen des sich abzeichnenden Fachkräftemangels womöglich sogar stärker als in der Vergangenheit. Mit ihnen werden aber auch der durch die Senkung des Rentenniveaus nur im Anstieg gedämpfte aktuelle Rentenwert und damit auch die Renten weiter wachsen. Die Rente wird 2030 für den 2 500-Euro-Verdiener daher mit Sicherheit deutlich höher sein als die heute erreichten 816 Euro. Selbst wenn die Grundsicherung entsprechend der Inflation fortgeschrieben würde, dürfte sie auch 2030 oberhalb des Grundsicherungsniveaus liegen.

Von der Leyens Zahlen sind damit reine Panikmache zur Durchsetzung ihrer Zuschussrente von bis zu 850 Euro für langjährig Rentenversicherte. Sie sind es auch deshalb, weil die Ministerin den Fokus auf das Niveau der gesetzlichen Rente verengt. Die gesetzliche Rente ist aber von jeher nicht die einzige Quelle des Alterseinkommens. Seit 2001 fördert der Bund mit der Riester-Rente und der steuer- und sozialabgabenfreien Gehaltsumwandlung die ergänzende betriebliche und private Vorsorge sogar ausdrücklich, um das demografiebedingte Absinken des Rentenniveaus zu kompensieren.

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Kommentare zu " Rentenentwicklung: Von der Leyen rechnet mit falschen Zahlen"

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  • Und warum wird dann der Rentenbeitrag gesenkt?Weil diese
    politische Verbrecherbande den Arbeitgebern mal wieder etwas
    Geld in den Hintern schiebt.Wann wird deutscher Michel endlich schlau?Ich glaube nie denn sie wählen ihren Metzger immer und immer wieder.

  • Das ganze Rentensystem wird uns noch um die Ohren fliegen. Geringverdiener haben sowieso schlechte Karten. Die Anstieg der Renten von Facharbeitern wird nicht mit der Inflation mithalten können. Selbstständige werden das System zusätzlich belasten. (Supergedanke gewesen mit der "Ich-AG". Leider nur um die Löhne zu drücken.) Was (vielleicht) bleiben wird, ist das Grundgesetz: "Eigentum verpflichtet". Aber halt, da gibt es doch das Bestreben nach einem "Recht auf Rendite" für Unternehmen. Die jetzigen Rentner und Pensionäre haben es besser als vergangene und zukünftige Generationen. Ich,51 Jahre, bedaure jetzt schon die Jüngeren.

  • Nun, in den 50er Jahren wurden die Beamtengehälter (brutto) um 7% gekürzt, um einen pseudo-Arbeitnehmeranteeil an den Pensionen einzubehalten (netter Nebeneffekt: Diese Beiträge waren von Anfang an steuerfrei). Da Pensionen aber eher einen Gesamtbeitrag (AN+AG) von ca. 30% erfordern würden, müssten die Beamtengehälter erst um 7% erhöht und dann ein Arbeitnehmerbeitrag von 15% festgesetzt werden.
    Das alles ist der Ministerialbürokratie bekannt, wird aber aus fadenscheinigen Gründen nicht angefasst.
    Genauso wenig wie die Mindestversorgung bei Beamten, die schon nach 5 Dienstjahren greift.

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