Reportage
Kreuzberg und die Mitte

Überall im Land formieren sich Basisgruppen und verdammen die rot-grünen Sozialreformen, als hätte es eine grüne Regierungsbeteiligung nie gegeben. Doch die Grünen wollen ihre Regierungsfähigkeit bewahren. Eine Handelsblatt-Reportage.

HB BERLIN/ROTTWEIL. Also, "so geht das schon mal überhaupt nicht". Eine dickliche Dame in einem geräumigen Leinengewand schüttelt ihren Kopf. "Wenn ihr das so macht, dann pack? ich meine Sachen und gehe", erregt sich auch ein weißbärtiger Greis in Tanktop und Armyhose, den sie hier alle "Schooky" nennen. Versammlungsleiter Dietmar Lingemann hatte beantragt, doch bitte nur dieses eine Mal einfach ohne große Umstände abzustimmen.

Es ist heiß im Kulturzentrum in der Kreuzberger Oranienstraße, die Uhr tickt, und am Ergebnis der Abstimmung zweifelt sowieso niemand. Aber da hat sich Lingemann verrechnet. Hier geht es ums Prinzip.

Herzlich willkommen bei den Berliner Grünen, genauer gesagt beim Bezirksverband Kreuzberg-Friedrichshain. Kein Landesverband ist linker als die Berliner, und in Berlin ist niemand linker als die Kreuzberger: Hier sind wir bei den ganz Extremen. Hier hat Hans-Christian Ströbele 2002 das erste und einzige grüne Direktmandat für den Bundestag erkämpft, und dafür will er erneut nominiert werden. Das wird er auch: Einstimmig, und zwar mit vorheriger Probeabstimmung, bei der auch Jugendliche und Ausländer die Hand heben dürfen, damit sie sich nicht ausgegrenzt fühlen. Nur das hatte Versammlungsleiter Lingemann sich sparen wollen, unbedachterweise.

Die Kreuzberger haben harte Zeiten hinter sich. Bundeswehreinsätze im Kosovo und in Afghanistan, Agenda 2010, Hartz IV - das fanden sie alles nicht richtig. Ihr Abgeordneter Ströbele, immerhin Fraktionsvize, hatte auch stets dagegengestimmt. Vor einem Jahr noch standen Ströbele und seine Kreuzberger damit ziemlich allein. Doch seit die Zeichen auf Neuwahlen stehen und Rot-Grün seinem Ende entgegentaumelt, hat sich der Wind gedreht: Überall formieren sich Basisgruppen, schreiben Erklärungen und verdammen die rot-grünen Sozialreformen, als hätte es nie eine grüne Regierungsbeteiligung gegeben.

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