Risiken für die Erholung
Manisch depressiv

Keine Frage, die Risiken für die Erholung haben zugenommen: Vor allem die drastisch gestiegenen Öl- und Rohstoffpreise sind eine ernste Belastung. Zudem wirft der schwache US-Arbeitsmarkt Zweifel auf, ob dort der Boom von großer Dauer ist.

In Deutschland gibt es aber noch ein ganz anderes Konjunkturrisiko: Das Land ist im Stimmungstief, reif für den Psychiater. Drei Jahre Krise haben die Republik in die manische Depression gestürzt.

Die Phase der Manie – unangemessen gehobene Stimmung und Selbstüberschätzung – begann im Juli 2003. Nachdem das Gespenst der Deflation verscheucht war, fieberte das Land ab der Jahresmitte urplötzlich dem Aufschwung entgegen. Selten zuvor ist die Stimmung in so kurzer Zeit umgeschlagen wie damals.

Doch spätestens der zweite Rückgang des Ifo-Indexes Ende vergangener Woche hat die Republik zurück in die Depression geschickt: Die Angst geht um vor einem abrupten Ende der Erholung. Erste Volkswirte nehmen sogar das R- Wort wieder in den Mund, sie beziffern die Rezessionswahrscheinlichkeit auf 30 Prozent. Wichtige Merkmale der Depression – Hemmung von Denken und innerem Antrieb – sind damit erfüllt.

Auch wenn das Reform-Hickhack die Bundesbürger verunsichert und der islamistische Terror Europa erreicht hat: Untergangsszenarien sind genauso übertrieben wie die Euphorie der letzten Monate. Denn trotz der Rohstoff-Hausse stellt das Wachstum der Weltwirtschaft selbst optimistische Prognosen in den Schatten, der Höhenflug des Euros ist vorläufig gestoppt, die deutschen Exporte ziehen an. Der Ifo-Index zeigt trotz der etwas schlechteren Lageeinschätzung: Die Geschäfte der Firmen laufen besser als vor einem Jahr. Zudem haben die Statistiker jüngst eine Reihe wichtiger Konjunkturdaten rückwirkend nach oben korrigiert. Unter dem Strich geht es konjunkturell voran. Zwar nur in Trippelschritten, aber immerhin.

Doch mit Argumenten lässt sich eine manische Depression nicht heilen – es hilft nur die medikamentöse Therapie. Offenbar hat die EZB das erkannt und bereitet die Öffentlichkeit auf eine Leitzinssenkung vor. Deutschland hat solch ein Anti-Depressivum bitter nötig – die traurige Verstimmung selbst wird sonst zur größten Gefahr für die Konjunktur.

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