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Riskantes Spiel um Sachalin

Zocken will gelernt sein: Ein professioneller Spieler weiß, wie viel er auf sein Blatt setzen kann und wann es Zeit ist auszusteigen.

Mit dem Versuch, im Spiel um Sachalin, eines der größten Energieprojekte der Welt, ausländische Konzerne auszutricksen, geht die russische Regierung ein hohes Risiko ein. Sie kann ihren schon angekratzten Ruf als vertrauenswürdiger Partner im Energiegeschäft verspielen.

Sollte Russland jetzt tatsächlich die alten Vereinbarungen mit den auf Sachalin tätigen Ölunternehmen torpedieren, steht das Land vor einem Imageschaden, der mit der Yukos-Affäre vergleichbar ist. Doch nicht nur Russlands Ruf steht auf dem Spiel. Japan, das hochgradig abhängig von Energieimporten ist, hat sich auf die Gaslieferungen aus Sachalin verlassen. Sorgt Moskau nun für Verzögerungen, nehmen die Beziehungen beider Länder Schaden. Auf die betroffenen Unternehmen dürften noch höhere Kosten zukommen. Ihre Bereitschaft, Geld in Russlands Energiesektor zu stecken, wird nachlassen. Konzerne wie Exxon-Mobil und Shell haben bewiesen, dass sie nicht um jeden Preis Geschäfte machen, selbst wenn sagenhafte Reserven locken.

Klar ist, dass die in den neunziger Jahren ausgefertigten Verträge mit den ausländischen Ölkonzernen einigen Offiziellen in Moskau heute nicht mehr schmecken. Sie sehen Russland wieder auf dem Weg zu seiner „angemessenen“ Größe. Die alten Verträge erscheinen ihnen als Relikt aus einer Zeit nationaler Erniedrigung. Hinzu kommt: Die Kosten der Projekte sind extrem gestiegen. Nach den geltenden Verträgen profitiert der russische Staat erst, wenn die beteiligten Konzerne ihre Auslagen gedeckt haben.

Auch die Interessen von Gazprom spielen eine Rolle: Das Gas aus Sachalin wird an dem Monopolisten vorbeiströmen. Das Konsortium um Shell kann es selbst vermarkten. Im besten Fall geht es dem Kreml nur darum, für Gazprom den günstigsten Preis für eine Beteiligung herauszupressen, ohne die Verträge grundsätzlich anzutasten.

Das Perfide an dem ganzen Vorgang ist: Die Vorwürfe der russischen Behörden, dass die Projekte die einzigartige Flora und Fauna auf Sachalin gefährden, sind im Kern richtig. Seit Jahren weisen Umweltorganisationen darauf hin und versuchen, alle Beteiligten zu Änderungen zu bewegen – mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.

Aufgeregt über die Gefahren für die Umwelt hat sich in Moskau noch niemand. Das russische Sündenregister ist lang. Das Pipelinenetz ist marode, Geld fließt nur in den Neubau, alte Leitungen werden nur notdürftig repariert, und so versickern jährlich große Mengen an Rohöl im Boden. Dass der russische Staat jetzt so sensibel reagiert, ist verräterisch.

Er sollte nicht überziehen: Auch wenn die Ölpreis-Hausse derzeit Milliarden von Petrodollar ins Land schafft, ohne Know-how von außen schafft es die russische Ölindustrie nicht, ihre ehrgeizigen Wachstumspläne zu verwirklichen. Die russische Regierung sollte sich daran erinnern, dass die Lieferunterbrechung gegenüber der Ukraine und unterschwellige Drohungen gegen den Westen ihr schon enorm geschadet haben. Gerade heute, wo Russen wichtige Beteiligungen im Westen suchen, gilt: Moskau darf nicht zündeln.

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