Rohstoffe
Genug Luft

Die Rohstoffkonzerne leben, so sollte man glauben, in der besten aller Welten. Ein Superzyklus, ausgelöst von der Industrialisierung Chinas und Indiens, hat vor allem die Preise für Industriemetalle in fantastische Höhen getrieben.
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Seit Jahren schaffen es die großen Bergbaukonzerne kaum, die Nachfrage zu befriedigen. Die größten Produzenten können ihren Abnehmern die Preise praktisch diktieren. Zweistellige Prozentzuwächse Jahr um Jahr sind die Folge. Noch dazu treiben spekulative Anleger wie Hedge-Fonds die Metallnotierungen weiter in die Höhe.

So haben die Minengiganten wie die britisch-australischen BHP Biliton und Rio Tinto, die britisch-südafrikanische Anglo American und die brasilianische CVRD einen Rekordgewinn nach dem anderen eingefahren. Kupfer und Nickel sind für sie zu Gold und Silber geworden.

Aber die jüngste Serie von Unternehmensbilanzen zeigt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Rio Tinto musste in der vergangenen Woche sogar einen Rückgang des Gewinns berichten, obwohl die Preise und Nachfrage der wichtigsten Produkte weiter gestiegen sind. Der Grund: Die Kosten steigen inzwischen schneller als die Verkaufspreise. Neue Minenprojekte werden teurer und dauern länger, weil es an erfahrenen Ingenieuren und Projektleitern mangelt. Hier holen eigene Versäumnisse die Branche ein: In den schwachen neunziger Jahren hat sie Personal abgebaut und nicht genug Nachwuchs eingestellt. Auch als der Boom losging, blieben die Konzerne vorsichtig – die Erfahrung früherer Zyklen hat sie das gelehrt. Inzwischen haben sich allerdings die Chefs der Marktführer mehr oder weniger offen zum Superzyklus bekannt und handeln danach.

Das hat sich herumgesprochen: In Südafrika oder Südamerika setzen Bergarbeiter kräftige Lohnerhöhungen durch. Externe Dienstleister erhöhen die Preise, denn auch sie sind vollbeschäftigt. Nicht zuletzt gibt es Engpässe bei Material aller Art, und die steigenden Preise für Stahl und Energie schlagen auf Minenprojekte durch. Weitere Engpässe gibt es in der Infrastruktur: Rohstoffreiche Länder wie Australien und Südafrika haben nicht genug in Schienenwege und Hafenkapazitäten investiert, um der steigenden Produktion gerecht zu werden.

Das alles bedeutet, die Bergbaukonzerne können trotz der Rekordinvestitionen in neue Minenprojekte die Produktion wichtiger Rohstoffe nicht so schnell hochfahren, wie es die weltweite Nachfrage erfordern würde. Das erklärt auch die Welle großer Übernahmen, die die Branche erfasst hat. Wenn es sich als schwierig erweist, die Kapazitäten aus eigener Kraft rasch zu steigern, bietet die Übernahme bestehender Minen die Chance, stärker von dem historischen Rohstoffboom zu profitieren. Zugleich streben die Rohstoffriesen nach Risikostreuung – darum kauft der brasilianische Eisenerz-Weltmarktführer CVRD den kanadischen Nickelproduzenten Inco, darum greift Rio Tinto nach dem Aluminiumkonzern Alcan.

Diese Übernahmen steigern die Macht der großen Rohstoffkonzerne, aber nicht die Produktion wichtiger Rohstoffe. Für die Kunden bedeutet das, die Preise für wichtige Metalle werden noch auf Jahre im historischen Maßstab sehr hoch bleiben. Viele Analysten sehen zwar den Preishöhepunkt für viele Rohstoffe nahen, doch solange die chinesische Wirtschaft stark wächst und die Engpässe in der Rohstoffproduktion bestehen bleiben, ist aus fundamentaler Sicht keine spürbare Entspannung zu erwarten. Schwerer vorauszusagen ist, wie sich das spekulative Element der Rohstoffhausse entwickelt. Die vergangenen Wochen sprechen dafür, dass die Rohstoffpreise resistent gegen die Kurseinbrüche auf anderen Märkten sind. Während Anleger sich aus den Kreditmärkten zurückziehen und Aktien verkaufen, halten sie bisher an ihren Investments auf den Rohstoffmärkten fest.

Obwohl Rohstoffe traditionell als riskante Anlage gelten und von vielen großen Investoren wie Pensionsfonds gerade neu entdeckt wurden, haben sie bisher nicht unter der verringerten Risikofreude der Anleger gelitten. Das Engagement spekulativer Anleger bleibt ungewöhnlich hoch. Dem Rohstoff-Superzyklus geht also noch nicht die Luft aus. Doch ewig währen wird er nicht – das zeigt die historische Erfahrung.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom

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