Rohstoffe
Glaubenskrise

Der Gigantismus in der Rohstoffbranche hat ein vorläufiges Ende gefunden. Der britisch-australische Weltmarktführer BHP Billiton hat den Versuch aufgegeben, den Konkurrenten Rio Tinto zu schlucken und damit den mächtigsten Minenkonzern aller Zeiten zu schaffen.

Den Aktionären bleibt eine Fusion mit höchst ungewissem Ausgang erspart und den Kunden ein Oligopol mit noch größerer Preissetzungsmacht. Grund für den Rückzieher waren letztlich die Wirtschaftskrise und der damit einhergehende dramatische Verfall der Rohstoffpreise. Doch wird das Scheitern der Fusion auch zum Symbol für das Ende des vielbeschworenen Rohstoff-Superzyklus?

Wer nur den Verlauf der Preiskurven für wichtige Rohstoffe an den internationalen Märkten zum Maßstab nimmt, der kann diesen Schluss leicht ziehen. Schließlich sind die Preise etwa für die wichtigsten Metalle tief gefallen: Nickel kostet 66 Prozent weniger als vor einem Jahr, Zink 47 Prozent und Kupfer 44 Prozent. Für das nicht börsengehandelte Eisenerz rechnen Analysten bei der nächsten Preisverhandlungsrunde Anfang 2009 mit einem Abschlag von 25 bis 30 Prozent, nachdem sich die Preise 2008 fast verdoppelt haben.

Doch die Argumentation hinter dem Superzyklus ist eine andere und unverändert schlüssig. Sie besagt, dass es neben den durch die weltwirtschaftliche Entwicklung ausgelösten zyklischen Nachfrageschwankungen für Rohstoffe alle paar Jahrzehnte Niveauverschiebungen in der Nachfrage gibt. Zuletzt war das beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall. Er hob die weltweite Rohstoffnachfrage dauerhaft auf ein höheres Niveau. Dasselbe gilt jetzt für die Industrialisierung Chinas, Indiens und anderer Schwellenländer. Der einzige Unterschied: Diesmal ist der Nachfragesprung gewaltiger denn je zuvor. China ist schon jetzt der größte Rohstoffimporteur.

Gerade die ersten Phasen der Industrialisierung sind enorm rohstoffintensiv. Kohle wird gebraucht, um Strom zu erzeugen, Erze, um Stahl für Häuser, Brücken, Schienenwege zu produzieren, Kupfer und Nickel, um die Konsumgüterindustrie in Gang zu setzen. Erst bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 15 000 bis 20 000 Dollar, so zeigt der historische Vergleich, flacht die Nachfrage nach Metallen ab. Bis dahin hat China noch eine Reihe von Wachstumsjahren und eine Vervielfachung der Nachfrage nach wichtigen Rohstoffen vor sich. Und das zweite Milliardenland Indien folgt darauf mit einigem Abstand.

Solange wir also nicht davon ausgehen, dass die Industrialisierung Chinas und Indiens ihr Ende erreicht hat, ergibt es keinen Sinn, das Ende des Rohstoff-Superzyklus auszurufen. Ein vorübergehend schwächeres Wachstum ändert an der grundlegenden Logik des Vorganges nichts. Immerhin hat China in den ersten zehn Monaten des Jahres erneut mehr Kupfer, Zink und Blei importiert als im Vorjahr, auch wenn das für Nickel und Eisenerz nicht mehr gilt.

Die Rezession in den weiter entwickelten Industriestaaten in Europa, Nordamerika und Japan trifft kaum einen Sektor so wenig wie die Rohstoffproduzenten. Das Wirtschaftswachstum hat in diesen Ländern schließlich immer weniger Einfluss auf den Rohstoffverbrauch. Warum dann also die Panikreaktionen in der Rohstoffbranche? Warum legen die Minenkonzerne reihenweise Investitionsprojekte auf Eis, warum bricht BHP den Übernahmeversuch auf der Zielgeraden ab?

Die Erklärung dafür ist, dass böse Erfahrungen mit Überkapazitäten fest ins kollektive Gedächtnis der Branche eingebrannt sind. Minenprojekte haben jahrzehntelange Laufzeiten. Darum war die Anpassung nach dem Superzyklus der Nachkriegszeit lang und schmerzhaft. In der letzten Durststrecke der 80er- und 90erJahre verlor die Branche dramatisch an Wert und büßte eine ganze Generation an Nachwuchs ein. Das soll ihr nicht noch einmal passieren.

Ein Heilmittel dagegen wäre auch die Megafusion von BHP und Rio Tinto gewesen, doch das Risiko schien dem Weltmarktführer kurzfristig zu groß. Das muss nicht heißen, dass große Übernahmen jetzt von der Agenda verschwänden. Im Gegenteil: Wer sich wie Rio Tinto in der Konsolidierungswelle der vergangenen Jahre hoch verschuldet hat, der ist für Attacken anfällig, wenn die Preise wieder anziehen.

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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