Russland
Ende der Party

Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erkennen: Die große Party in Russland ist vorbei.

Seit Juli kennen die Börsen in Moskau nur einen Trend: nach unten. Der in Dollar handelnde Index RTS hat gut 40 Prozent eingebüßt, der auf den Rubel basierte Micex ist auf den tiefsten Stand seit 2006 gefallen. Das Mantra der russischen Führung, ihr Land sei trotz Georgien-Krieg und Finanzkrise ein "sicherer Hafen" für Investoren, klingt von Tag zu Tag unglaubwürdiger.

Die Politik der vergangenen Monate hat dabei eine Rolle gespielt. Sie ist aber nicht Ursache, sie hat nur die Wirkung verstärkt: Die rhetorischen Ausfälle von Ministerpräsident Putin gegen den Stahlkonzern Mechel, das Vorgehen in der Georgien-Krise haben den Eindruck unterstützt, dass die russische Führung kurzfristig massive Schäden für das Investitionsklima in Kauf nimmt, um politisch punkten zu können. Vertrauen und eine gewisse Berechenbarkeit kamen dabei unter die Räder. Für viele Investoren mag dies bei der Entscheidung, ihr Geld abzuziehen, ein wichtiger Faktor gewesen sein.

Doch die Probleme der russischen Wirtschaft liegen tiefer: Sie ist mit zuletzt rund acht Prozent zu schnell gewachsen. Es fehlt der Rahmen für eine nachhaltige Entwicklung. Zum Beispiel auf dem Finanzmarkt: Russische Unternehmen haben sich in den vergangenen Jahren verstärkt über den internationalen Markt finanziert, auch weil der heimische nach wie vor vergleichsweise unterentwickelt ist. Die Kreditkrise hat zwar nicht die russischen Banken direkt getroffen, doch Firmen wie Geldinstitute müssen nun erhebliche zusätzliche Mittel für die Refinanzierung ihrer Darlehen aufbringen. Die dürfte dank des gestiegenen politischen Risikos jetzt noch teurer werden. Diejenigen Unternehmen, die sich mit zu wenig Bodenhaftung in ihre Expansion gestürzt haben, stecken nun in der Klemme.

Hinzu tritt die nach wie vor große Abhängigkeit von den Rohstoff- und Energieexporten. Der Segen der vergangenen Jahre kann sich schnell ins Gegenteil wenden: Bei einem Ölpreis von rund 100 Dollar müssen in Moskau zwar noch nicht die Alarmglocken schrillen. Doch weil der Sektor strukturell so wichtig ist, drücken die schwankenden Rohstoffpreise schnell auf die Stimmung. Obwohl in den vergangenen Jahren in Russland auch andere Wirtschaftzweige ein rasantes Wachstum hingelegt haben, vermögen sie diesen Effekt noch nicht auszugleichen. Da rächt sich auch, dass die politische Führung zuletzt vor allem mit dem eigenen Machterhalt beschäftigt war, anstatt in den guten Jahren Wirtschaftsreformen voranzutreiben.

Die vielen Petrodollar haben in Russland zudem ihren Fluch entfaltet: Im August kletterte die Inflation nach einer kurzen Verschnaufpause mit 15 Prozent auf ein Fünfjahreshoch. Der Anstieg der in den vergangenen Jahren rasant gestiegenen Reallöhne, der in keiner Relation zur Produktivität stand, verlangsamte sich. Die erste große Einzelhandelskette senkte daher bereits ihre Umsatz- und Gewinnprognose.

Doch bei allen krisenhaften Anzeichen wird der russischen Wirtschaft so schnell nicht die Puste ausgehen. Das Wachstum dürfte sich zwar verlangsamen und damit weiter hinter das von China oder Indien zurückfallen. Doch selbst fünf bis sechs Prozent liegen immer noch deutlich über dem Niveau der Euro-Zone. Für Russland sprechen zudem die mit fast 600 Milliarden Dollar dritthöchsten Währungsreserven der Welt. Bisher hat die Zentralbank das schwache Bankensystem darüber hinaus vernünftig durch den Trubel der Finanzkrise gesteuert. Ein Kollaps wie zuletzt 1998 oder in kleinerem Ausmaß im Jahr 2004 ist nahezu ausgeschlossen. Hinzu kommt: Die Verschuldung der russischen Haushalte ist zwar gestiegen - im Vergleich zu entwickelten Märkten aber fast zu vernachlässigen. Trotz der weniger schnell steigenden Einkommen dürfte sich das Wachstum des Konsums daher weiter fortsetzen.

Trotz alledem sollte die jüngste Entwicklung der politischen Führung die Augen öffnen: Die russische Wirtschaft mag stark sein, sie ist aber keinesfalls so stark, dass sie sich gegen internationale Trends durchsetzen oder diese gar bestimmen kann. Ein isoliertes Russland ist zum Scheitern verurteilt, es braucht das Vertrauen der Investoren und internationalen Finanzmärkte. Noch sind die Wachstumsjahre nicht vorbei, aber das Zeitfenster für Reformen im Inneren wird nicht größer.

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