Russland
Großmannssucht

Der Vorhang nach dem zweiten Akt im Schauspiel um den Untergang des russischen Energiekonzerns Yukos ist gefallen. Ähnlich wie im ersten vor einer Woche hat sich ein westlicher Energiekonzern als Mitspieler eingefunden, der bereit ist, der russischen Dramaturgie zu folgen: Das Regieteam um Kreml, Yukos-Konkursverwalter sowie den Energiekonzernen Gazprom und Rosneft wird es danken.

Doch im Gegensatz zum Ölriesen TNK-BP, ein russisches Joint Venture mit der britischen BP, wurde der italienische Energiekonzern Eni nach der Auktion sofort und fürstlich entlohnt. Aus der Konkursmasse von Yukos fielen Eni und dem Versorger Enel zu einem Discountpreis ein 20-prozentiges Aktienpaket der Gazprom-Tochter Gazprom Neft sowie lukrative Gasfördereinheiten zu. TNK-BP musste sich zuvor mit der Rolle des Statisten begnügen, damit der Staatskonzern Rosneft zum Zuge kommen konnte. Dafür darf das russisch-britische Gemeinschaftsunternehmen künftig mit etwas mehr politischem Wohlwollen in Moskau rechnen. Die Motive der westlichen Akteure sind durchaus verständlich: TNK-BP steht in Russland mit dem Rücken zur Wand und kommt mit einem seiner wichtigsten Projekte, dem größten Gasfeld Russlands, Kowykta, nicht voran. Eni wiederum sichert sich mit dem Zugriff auf Fördereinrichtungen in Russland neue Reserven und vertieft seine Beziehungen zu einem der größten Energieunternehmen der Welt.

Die Verflechtungen der Italie-ner mit Gazprom sind bereits eng und politisch besiegelt: Der russische Monopolist darf sein Gas in Italien bis zum Endkunden liefern. Außerdem hat der Konzern seine Fühler nach Algerien ausgestreckt, einem der Hauptlieferanten Italiens. Ein Teil der Beute wird Eni wohl wieder an Gazprom zurückgeben: Der Konzern hat die Option, in den kommenden zwei Jahren 51 Prozent der von Eni ersteigerten Yukos-Anteile zu erwerben – und außerdem zu einem Festpreis die Anteile an seiner Tochter Gazprom Neft, die nun bei den Italienern liegen. In zwei Jahren, so hofft wohl das Gazprom-Management, dürfte auch klar sein, welche rechtlichen Risiken aus der Zerschlagung von Yukos erwachsen werden. Im Grunde genommen sind die Yukos-Auktionen eine Farce. Der Kreml will mit dem Theater lediglich erreichen, dass die Umverteilung im russischen Energiesektor in den Augen der Weltöffentlichkeit einen ordentlichen Anstrich erhält. Zu einer knallharten Enteignung unliebsamer Konzerne, so wie sie einst die Staaten im Mittleren Osten vorgemacht haben, traut sich die russische Führung nicht. Dass die Welt diese Taktik durchschaut, scheint Moskaus Macher nicht zu kümmern. Die Bereitschaft von Konzernen wie TNK-BP oder Eni, bei der Scharade mitzuspielen, zeigt: Ohne den Staat geht in Russland gar nichts mehr.

Mit dem Ende der Ära Putin nähert sich auch der Abschluss der zweiten großen Neuordnung des russischen Öl- und Gassektors. Nach der Raubritter-Privatisierung in den frühen neunziger Jahren, als Russland in seiner Not ausländischen Investoren wie Royal Dutch Shell oder BP lukrative Projekte zugesprochen hatte, hat der Staat seine Position Zug um Zug wieder zurückerobert. So musste Shell nach monatelangem Kleinkrieg mit russischen Behörden die Führungsposition beim Prestigeprojekt Sachalin an Gazprom abgeben. Mit der Zerschlagung von Yukos fehlt dann nur noch die „Lösung“ des Streits zwischen TNK-BP und Gazprom um das Gasfeld Kowykta. Das neue Russland benötigt zwar nach wie vor die Hilfe ausländischer Investoren, nur die Optik muss stimmen. Über allen wichtigen Projekten muss daher die russische Flagge wehen. Und zwar unabhängig von der Frage, ob ein Konzern wie Gazprom überhaupt dazu in der Lage ist, anspruchsvolle Vorhaben finanzieren und durchführen zu können. Die Internationale Energieagentur sieht die Rolle des größten Gaskonzerns der Erde daher auch mit großer Skepsis: Trotz seiner riesigen Reserven bestehe die Gefahr von Lieferengpässen, weil der Konzern nicht genug investiere.

Die politische Führung lässt sich davon nicht stören. Gazprom soll so schnell wie möglich zum größten Energiekonzern der Welt ausgebaut werden. Doch bei aller Großmannssucht gibt es auch Anzeichen für Realismus: Der Aus-bau der Kooperation mit anderen Gas-Förderländern wie Algerien oder Katar soll Russland für den Fall absichern, dass sich Europa, Russlands wichtigster Kunde, eines Tages nach alternativen Bezugsquellen zur Befriedigung seines Energiebedarfs umsieht. Denn davor hat man im Kreml Angst. Doch bis es so weit ist, werden die westlichen Investoren wohl noch eine Weile das russische Theater mitspielen.

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