Russland
Kommentar: Machtwechsel im Kreml

Wladimir Putin versucht die Märkte zu beunruhigen. Anders ist die Ernennung Dmitrij Medwedjews als neuer Chef seiner Präsidial-Administration nicht zu werten.

Kremlchef Wladimir Putin versucht die Märkte zu beunruhigen. Anders ist die Ernennung Dmitrij Medwedjews als neuer Chef seiner Präsidial-Administration nicht zu werten. Ein richtiger Schritt, denn die Berufung eines weiteren Geheimdienstlers an die in Russland faktisch zweitwichtigste Schaltstelle der Macht – über seinen Tisch laufen alle Gesetzentwürfe, Lageberichte, er entscheidet, was Putin davon zu sehen bekommt – wäre verheerend gewesen.

Medwedjew ist ein Putin-Intimus und hat für den Staatschef als bisheriger Vize der Kreml-Administration und im Aufsichtsrat des staatlich kontrollierten Gasgiganten Gazprom wichtige Funktionen wahrgenommen. Der sehr langsame, aber immerhin in die richtige Richtung gehende Reformprozess bei Gazprom gibt Hoffnung, dass der junge Petersburger auch das Land in die richtige Richtung lenken könnte.

Allerdings: Man darf sich keiner übertriebenen Hoffnung hingeben – unter Medwedjew sicherte sich der russische Staat den vollen Zugriff auf Gazprom. Vorher hatte es eine nicht-staatliche Mehrheit unter den Aktionären des weltgrößten Erdgasförderers gegeben. Und Gazprom arbeitet noch immer deutlich ineffektiver als die private Konkurrenz im Ölsektor. Russlands Gasbranche ist ein gefährliches Vorbild für diejenigen in der Staatsführung – allen voran, trotz aller marktwirtschaftlichen Beteuerungen, Putin -, die Russlands Rohstoffsektor in Staatshand sehen wollen. Dies ist ein gefährlicher und falscher Weg – siehe Gazprom.

Ob Medwedjew die Machteliten im Kreml so wird austarieren können wie sein mit allen Kremlwassern gewaschene Vorgänger Alexander Woloschin, darf zudem bezweifelt werden. Denn Woloschin hatte ein Machtgefüge aufgebaut, dass die Herrschaft Putins sicherte, Geheimdienste und Oligarchen gegeneinander ausspielte. Das wird seit den Yukos-Attacken nicht mehr möglich sein und Medwedjew ist ein deutlich schwächerer Mann als Woloschin.

Aber wie lautet ein Hoffnung stiftendes russisches Sprichwort: „Es hätte schlimmer kommen können.“ Und die Hoffnung stirbt in Russland ja bekanntlich zuletzt.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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