Russland
Kommentar: Tod des Kapitalismus

Mut muss man Michail Chodorkowski zugestehen. Er wusste, dass man ihn verhaften würde, und dennoch ist er nicht klammheimlich außer Landes geflüchtet wie andere beim Regime in Ungnade gefallene Großunternehmer.

Mut muss man Michail Chodorkowski zugestehen. Er wusste, dass man ihn verhaften würde, und dennoch ist er nicht klammheimlich außer Landes geflüchtet wie andere beim Regime in Ungnade gefallene Großunternehmer. Mut wird der Ölmagnat auch weiter brauchen, denn im Gefängnis wird er so lange erpresst werden, bis er sein Unternehmen „freiwillig“ abgibt – auch dafür gibt es leider Vorbilder in der Putin-Ära. Der Yukos-Chef wird sich dagegenstemmen und immer wieder ein öffentliches Strafverfahren verlangen. Die Mächte des Dunklen, die im Kreml wieder schleichend das Ruder in die Hand genommen haben, aber scheuen das Licht.

Der Westen muss sich deshalb offen äußern, denn es geht inzwischen um das Überleben von Demokratie und Marktwirtschaft in Russland. Der Absturz russischer Aktien und Anleihen gestern war nur der erste Misstrauensbeweis von Anlegern in Russland und im Ausland für Putins Politik. Nun müssen die Männerfreunde Schröder, Blair und Bush ihrem Kreml- Kumpel auch offen die Meinung sagen, dass sie Russland als Partner nur an ihrer Seite wollen, wenn das Riesenreich wieder auf den Weg von Demokratie und Freiheit zurückkehrt.

Bei ihrer Kritik an Russland dürfen sich Europäer und Amerikaner aber nicht wieder auseinander dividieren lassen, etwa weil beide um russisches Öl und Gas konkurrieren. Russland müssen klare Bedingungen gestellt werden, damit nicht wahr wird, was die „Iswestija“ am gestrigen Tag schrieb: „In Russland starb das zweite Mal der Kapitalismus. Das erste Mal durch die bolschewistische Oktoberrevolution am 7. November 1917 und das zweite Mal am 25. Oktober 2003“ mit der Inhaftierung des Vorzeigeunternehmers Chodorkowski.

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