Russland
Schaler Sieg

Der Krieg im Kaukasus macht aus Sicht des Kremls klar: Russland kann wieder siegen. Das war schon länger nicht mehr der Fall.

Nach den militärischen Debakeln in Tschetschenien hatte die russische Armee einen denkbar schlechten Ruf weg. Die auch in Russland viel diskutierten Berichte über die Quälerei und Ermordung von Rekruten taten ihr Übriges. Jetzt steht der Stolz der Nation im Licht des Sieges über Georgien, einen Anwärter auf die Nato-Mitgliedschaft, in das in den vergangenen vier Jahren einiges an westlichem militärischem Know-how geflossen ist.

Es besteht kein Zweifel, die Fähigkeiten der russischen Armee haben sich verbessert. Eines ihrer Hauptprobleme, ihre mangelnde Einsatzbereitschaft, hat sie offenbar in den Griff bekommen. So dauerte es im August nur wenige Stunden, bis die Truppen in Marsch gesetzt waren. Ein echter Fortschritt, selbst wenn man in Betracht zieht, dass die Armee auf den georgischen Angriff regelrecht gewartet hatte.

Ein Erfolgsfaktor dürfte auch die Überlegenheit in der Luft gewesen sein. Sosehr die Zerstörung der georgischen Infrastruktur und die Besetzung der Städte Gori und Poti heute politisch gegen Russland ausschlagen: Nach militärischer Logik macht das in einem konventionellen Krieg Sinn. Ziel der russischen Armeeführung musste es sein, die modernsten georgischen Basen auszuschalten und die Versorgungslinien zu unterbrechen.

Der Krieg gegen Georgien zeigt aber auch in aller Deutlichkeit die gravierenden Mängel der russischen Armee. Da ist zunächst die Ausrüstung: Nach wie vor fehlt es Russland an der Grundausstattung für eine Streitmacht des 21. Jahrhunderts. Angefangen bei Nachtsichtgeräten, moderner Kommunikation oder einer schnellen, motorisierten Infanterie. Letzteres Manko konnte die Armeeführung zwar mit Hilfe der Spezialkräfte ausgleichen. Gegen einen stärkeren Gegner als die georgische Armee, die rudimentär mit neuerer Technologie ausgerüstet und darauf trainiert war, hätte dies nicht ausgereicht.

Auch die Tatsache, dass Russland gegen einen solchen Gegner mindestens vier Flugzeuge, darunter einen strategischen Bomber, verloren hat, zeigt deutliche Schwächen bei der Abstimmung zwischen den Einheiten am Boden und in der Luft sowie vor allem bei der Aufklärung. Die Zahl der Gefallenen dürfte daher auch höher liegen als die offiziell genannten 70, vermuten russische Militärexperten. Für einen Gegner wie Georgien sei dies zu hoch, so der Tenor.

Grundsätzlich standen sich im Kaukasus zwei "sowjetische" Armeen gegenüber. Georgiens Militär hatte offenbar darauf vertraut, in einer Art nächtlichem Blitzkrieg Fakten zu schaffen. Der Vorstoß blieb auch wegen der Gegenwehr der südossetischen Milizen und der russischen Friedenstruppen stecken, was den entscheidenden Zeitvorteil zunichte machte. Nato-Nachtsichtgeräte sind zwar hilfreich, sie reichen aber nicht aus, um einen Krieg zu gewinnen. Das westliche Ausbildungsniveau haben Georgiens Soldaten noch lange nicht erreicht. Ein Faktor, den die politische Führung in Tiflis wohl unterschätzt hat.

Die Frage, welche Lehren Russland aus dem Krieg zieht, bleibt offen. Verteidigungsminister Anatolij Serdjukow, ein Zivilist, hat zwar einen neuen Reformanlauf gestartet und mit dem Versuch begonnen, moderne Managementmethoden in den riesigen, korrupten Militärapparat einzuführen. Das Beharrungsvermögen des russischen Offizierskorps, das auch um seine Pfründen fürchtet, ist aber hoch. Nach wie vor hapert es an Effizienz. Strukturell wird die Armee noch wie in den 70er-Jahren geführt. So bringt Russlands militärisch-industrieller Komplex zwar nach wie vor auch im Westen beachtete neue Technologien hervor. Bis diese allerdings der Truppe zur Verfügung stehen, vergeht zu viel Zeit. In Georgien jedenfalls war nichts davon zu sehen.

Der Waffengang im Kaukasus und seine politischen Folgen dürften eine grundsätzliche Frage unter russischen Militärs wieder aufwerfen. Dessen Mehrheit stemmt sich gegen einen Umbau der Armee hin zu einer kleineren, aber dafür schlagkräftigeren und mobileren Streitkraft, denn sie rechnet nicht mit einem Partisanenkrieg als vielmehr mit einer Auseinandersetzung mit der Nato. Der Krieg in Georgien hat gezeigt: Für solch einen Einsatz ist Russlands Armee überhaupt nicht gerüstet.

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