Russland
Steinmeiers Schatten

Endlich ist Frank-Walter Steinmeier aus dem langen Schatten seines großen Mentors getreten: Hatte Gerhard Schröder die Lage in Russland einst beharrlich schöngeredet, so benannte der Bundesaußenminister jetzt erstmals offen und freimütig die Schwächen im Riesenreich.

Bei seiner Visite in Moskau prangerte er Menschenrechtsverletzungen, die Unterdrückung der Opposition und die Morde an Regimegegnern an. Dass Steinmeiers Gastgeber, Moskaus Außenminister Sergej Lawrow, dabei die Contenance verlor und ein rhetorisches Feuerwerk gegen westliche Medien abbrannte, zeigt nur eines: Der Kreml ist von Deutschland enttäuscht. Jahrelang an des Ex-Kanzlers Schönfärberei gewöhnt, ist Moskau ob der neuen Töne aus Berlin nun verwirrt.

Dort wurde Kremlherr Wladimir Putin ja auch schon einmal als „beleidigte Leberwurst“ tituliert. Tatsächlich hat Putin bis heute nicht verstanden, dass enge Partnerschaft oder gar politische Freundschaft auch heißt, sich, wenn notwendig , gegenseitig offen kritisieren zu dürfen. Auch in der EU fliegen ja hin und wieder die Fetzen. Doch niemand wird bezweifeln, dass Europa in Freundschaft verbunden ist.

Moskau muss lernen, dass Freundschaft nicht schweigen oder abnicken heißt. Und Steinmeier hat endlich verstanden, dass die Fortsetzung des unter seinem früheren Chef gepflegten Leisetretens in Russland nur als Schwäche ausgelegt wird. Wer etwas ändern möchte in Moskau, der muss den Mut haben, es auch offen anzumahnen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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